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Wer hat Angst vor Facebook?

Mark Elliot Zuckerberg

Für Mark Elliot Zuckerberg (Foto oben) sind es gerade eher schwierige Zeiten. Der zurückhaltende 26-Jährige, Ko-Entwickler und Chef des Sozialnetzwerks Facebook, pflegt den unauffälligen Auftritt. Trotz einem geschätzten Privatvermögen von 6,9 Milliarden Dollar fährt er einen Mittelklasse-Wagen, trägt immer noch Turnschuhe, Jeans und Kapuzenpullis, und auch das große Haus nahe des Firmensitzes Palo Alto in Kalifornien ist nur gemietet. So lebt jemand, der lieber im Hintergrund bleibt. Doch der Film „The Social Network“ (Kinostart: 07.Oktober) von David Fincher (Foto links) und Autor Aaron Sorkin, der parallel zu Ben Mezrichs Buch „The Accidental Billionaires“ entstanden ist, rückt Zuckerberg ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Film und Buch über die Anfänge des – mit weltweit 500 Millionen registrierten Nutzern – größten Internet-Sozialnetzwerks sind beides unautorisierte Werke: Mezrich hat Interviews geführt und Daten gesammelt, seine Hauptinformationsquelle war der Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin, ein ehemals guter Freund von Zuckerberg. Auf der Grundlage eines 14-seitigen Exposйs von Mezrich hat Sorkin sein Drehbuch geschrieben. Dass sich das finale Buch flott und spannend liest und auch Fincher ein bemerkenswerter Film über neue Ideen und brüchige Loyalität gelungen ist, dürfte für Mark Zuckerberg kein Trost sein. Denn das dort gezeichnete Bild des Mannes, der als 19-jähriger Harvard-Student im Herbst 2003 den Grundstein für Facebook gelegt hat, ist wenig charmant: Jesse Eisenberg spielt den Hacker und Programmierer in „The Social Nework“ als Besessenen. Selbstbewusst, fast eisig verfolgt der Film-Zuckerberg seine Pläne. Wenn er redet, klingt er immer etwas mechanisch, wie ein Roboter oder ein junger Mr. Spock. Dass er aneckt, Leute düpiert, Freunde verliert, nimmt er in Kauf. Durchaus nachvollziehbar, dass Mark Zuckerberg sagt, er hätte sich gewünscht, „dass niemand einen Film über mich macht, solange ich noch lebe“.
David Fincher bei der ArbeitEs geht dabei nicht nur um schlechte Presse und ein angekratztes Image. Besonders amerikanische Technik- und Wirtschaftsredaktionen feiern Zuckerberg fortgesetzt als genialen Visionär, die Oktober-Ausgabe des Magazins „Vanity Fair“ sieht ihn auf Platz eins der „100 einflussreichsten Personen des Informationszeitalters“. Aber Finchers „The Social Network“ und Ben Mezrichs Buch widersprechen einer Schlüsselidee von Facebook, die Zuckerberg von Beginn an propagieren wollte: Jeder soll selbst bestimmen können, welche Informationen man mit der Öffentlichkeit teilt, welche Fakten, Fotos, Vorlieben man in welcher Form wenigen, vielen oder allen zugänglich macht. Das Facebook-Angebot basiert auf Selbstbestimmung – und Vertrauen.
Und die Nutzer vertrauen dem gewaltigen Sozialnetzwerk implizit und in immer größerer Zahl, die Zuwachsraten bei Neuanmeldungen sind schwindelerregend. Vor etwas über zwei Jahren gab es 100 Millionen registrierte Facebook-User, im Februar 2010 waren es bereits 400 Millionen, in diesem Juli wurde die 500-Millionen-Marke überschritten. Das Netzwerk lässt sich als Tagebuch, Fotoalbum und Chat-Plattform nutzen, man kann Kontakte knüpfen und pflegen, Informationen austauschen, Interessengruppen gründen; immer mehr Möglichkeiten des Web 2.0 werden auf der recht einfach zu benutzenden Internetseite gebündelt. Schneeball und Kreislauf: Je mehr Leute auf Facebook aktiv sind, desto attraktiver wird die Seite, je größer Angebot und Kopfzahlen werden, desto wichtiger wird das Netzwerk im richtigen Leben. Diese stetig wachsende Rolle spiegelt sich längst auch auf lokaler Ebene in Kultur, Szene und Nachtleben wider, als Kommunikationsmittel und Informationsquelle überholt Facebook auch in Berlin klassische Medien, Message-Boards oder E-Mail-Newsletter. „Ohne Facebook würde meine Arbeit heute nicht mehr funktionieren“, erklärt Jackie A., Bloggerin und Kolumnistin. „Gut 80 Prozent aller Termine, Veranstaltungshinweise oder Einladungen zu Clubevents bekomme ich darüber, auch mal Jobangebote. Ich habe per Chat schon ganze Interviews durchgeführt mit Leuten, die man sonst schwer oder gar nicht erreicht.“ Szenenbild aus Aber für sie ist das Sozialnetzwerk nicht nur ein berufliches Hilfsmittel. „Das klingt jetzt wahrscheinlich wie eine ganz traurige Talkshow-Nummer, aber ich habe meinen Freund bei Facebook kennengelernt.“ Ein Freund von Freunden, man hat sich virtuell ausgetauscht, mal telefoniert („das war komisch“) und sich dann getroffen: „Ich war etwas erschrocken, dass der zwei Meter groß ist, das hat man bei Facebook ja nicht gesehen.“ Heute ist sie glücklich in ihrer Beziehung und zufrieden mit der Art, wie sie das Netzwerk benutzen kann. „Natürlich ist Facebook auch ein unfassbares Selbstdarsteller-Forum. Manchmal ist das durchaus charmant, das kann aber auch sehr anstrengend werden.“ Und Jackie A. ergänzt: „Meine Erfahrungen sind supergut, als Kommunikationsmittel ist Facebook für mich sinnvoll und sehr nützlich. Solange man nicht versucht, damit echtes Sozialverhalten zu kompensieren, sehe ich da keine Probleme.“
Probleme sehen andere. Besonders, aber nicht nur, in Deutschland provoziert Facebooks Datenschutzpolitik, den Umgang mit den persönlichen Daten der User empfinden viele als zu nonchalant. Als Face­book zuletzt seine Nutzungsbestimmungen verändern und fortgesetzten Zugriff auf die Informationen auch ausgeschiedener Mitglieder wollte, gab es lautstarken Protest, der zur Korrektur des Reglements geführt hat…

Lesen Sie den vollständigen Artikel sowie das Interview mit David Fincher und die Filmkritik im aktuellen tip 21/10 auf den Seiten 28-33.

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