Dokumentarfilm

„Wer war Hitler“ im Kino

Um die unerträgliche Spannung gleich am Anfang zu lösen: Nein, wir erfahren nicht endgültig wer Hitler war. Trotz der 14 Kapitel, in die die Kinofassung von über drei Stunden Dauer unterteilt ist. Am Anfang „Ein Tunichtgut“ später „Ein Feldherr“ und „Ein Massenmörder“, schließlich am Ende „Ein Selbstmörder“

Edition Salzgeber

Regisseur Hermann Pölking hält sich mit seiner Filmmontage an eine strenge, meist chronologische Struktur. Auch im Detail. Nach jeder Kapitelüberschrift folgt ein Zitat. Mal von Churchill, mal von der Mutter Klara Hitler, mal von einem einfachen Feldwebel. Seine mächtig kompilierte Bilderflut ist dabei durchweg aus zeitgenössischem Bildmaterial montiert. 40 Prozent davon, so die Produktionsnotizen, nahezu unbekannt. Am Anfang Fotos von Hitler, Vater, Mutter, dann die ersten bewegten Bilder, Straßenszenen aus Hitlers Tunichtgut-Zeit in Wien, Farbaufnahmen privater Amateurfilmpioniere, Eva Braun am See, Alltagsfilmereien und Wochenschauaufnahmen und Propagandastreifen – wirklich neu ist das allerdings alles nicht. Aber sehr detailliert. Neu hingegen, zumindest in dieser formalen Konsequenz: Jeder Filmschnipsel ist mit einem nachgesprochenen Original-Text unterlegt, eine Mixtur aus zahlreichen zeitgenössischen und retrospektiven Quellen. Augenzeugenberichte, Zitate von Opfern und Tätern dominieren, erklärende oder einordnende Passagen sind in dieser Bild und Ton Collage selten. Natürlich wird auch Hitler selbst ausführlich zitiert – gesprochen von Jürgen Tarrach, im leicht ironisierendem Hitler-Timbre, die Stimme des Grauens selbst ist erst spät zu hören.

Das Zusammenspiel von Bild und Ton gibt dem Ganzen gelegentlich einen durchaus ironischen bis skurrilen Ton. So erzählt uns der Text, wie der junge Hitler von seinem Vater verprügelt wurde, während im Bilde eine füllige Matrone einem Knaben den Hintern versohlt. Oder als der Sprecher vom Tunichtgut-Hitler erzählt während wir ein paar Szenen mit Charlie Chaplin als Tramp sehen. Dennoch hält die Dokumentation durch die konsequente Strenge den Zuschauer auf Distanz. Die Faszination, die Hitler auf die Masse ausstrahlte, wird deutlich, bleibt aber fremd. Pölking, der Feldforscher unter den Dokumentaristen, hat es nicht bei der Kinofassung belassen. Neben dieser und der über siebenstündigen Festivalversion wird es eine längere TV-Version geben, begleitet von einem gleichnamigen, knapp 800 Seiten starken Buch. Dieses ambitionierte Projekt – im besonderen die Kinofassung – ist ein tiefer, formal interessanter, aber keineswegs überraschend neuer Blick auf den GröFaZ.

Wer war Hitler D 2017, 196 Min., R: Hermann Poelking, Start: 16.11.

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