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„Wer wenn nicht wir“ im Kino

Der junge Bernward Vesper (August Diehl) ist noch per Sie mit der Lehramtsstudentin Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis), als er ihr seinen Schreibstil draufgängerisch im Jargon der Zeit erklärt: „So, wie wenn man mit der Faust der Gesellschaft in die Fresse haut.“ Die beiden werden sich verloben und ein Kind zusammen haben. Bernward Vesper, der Sohn des völkischen Dichters Will Vesper, der zeitlebens literarisch und persönlich mit dem Schatten des Vaters rang, war neben Andreas Baader der zweite wichtige Mann in Gudrun Ensslins Leben.

Vesper ging wie die große Mehrheit der damaligen Studentenbewegung nicht in den Untergrund. Er wählte den Weg des Schreibens („Die Reise“), begab sich auf einen Drogentrip und nahm sich 1971 das Leben. In Andres Veiels Drama über die Vorgeschichte der RAF ist er eine Hauptfigur. Die Dreiecksgeschichte zwischen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und dem Verleger und Autor Bernward Vesper spielt sich in den 60er-Jahren ab. Da gibt es zwar die APO, aber noch keine RAF. Die junge Nachkriegsgeneration befindet sich in einem unübersichtlichen Zustand, irgendwo zwischen rebellischer Studentenbewegung, kollektivem Schuldgefühl und bürgerlicher Enge.

Dem Drehbuch liegt das Buch „Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des Terrorismus“ von Gerd Koenen zugrunde, das sich mit Zeitzeugenmaterial, Originalbriefen und Dokumenten auseinandersetzt und die Psychologie der familiären Konstellationen beleuchtet. Darüber hinaus hat Regisseur und Drehbuchautor Andres Veiel im Vorfeld des Films an die vierzig Personen interviewt und eine Fülle von Material gesichtet. Eine Akribie der Recherche, die sichtbar und unsichtbar jede Filmsekunde zu beherrschen scheint: wortgetreue Zitate, Kindheitsszenen im NS-geprägten Elternhaus der Vespers und eine detailbesessene Ausstattung vom Seidenhemd-Chic Baaders bis zur roten Lacklederjacke der Ensslin. Wortlose, verweilende Blickwechsel und lange Kameraeinstellungen geben der Emotion des Zuschauers Zeit, in Resonanz zu treten mit dem, was Veiel das „Ursachendickicht“ des deutschen Terrorismus nennt. Etwa wenn Andreas Baader (Alexander Fehling) dafür ist, anstatt eines symbolischen Rauchbombenanschlags die Gedächtniskirche doch gleich ganz in die Luft zu sprengen. Es bleiben ein paar Sekunden des Verweilens auf Fehlings Mienenspiel, gerade genug, um den RAF-Film in unseren Köpfen explodieren zu lassen.

Veiel fährt eine immense Fülle von psychologischen Mosaiksteinen auf, die schon bald die Ebene des Liebesdramas sprengen, um sich unmittelbar an die unerlöste Psychologie des Linksterrorismus im kollektiven Gedächtnis zu richten. Die Diskursebene ist ohne Zweifel der eigentliche Trip dieses Films, und Veiel lässt keine Gelegenheit aus, sie zu triggern.

Wer_wenn_nicht_wirFilme über die RAF waren immer schon diskursive Filme, ob es die Regisseure wollten oder nicht, und egal wie „wirklich“ oder „unwirklich“ man versuchte zu sein. Da gab es die frühen, zeitnahen RAF-Filme, die eine Gegenöffentlichkeit zur medialen Kriminalisierung der radikalen Linken herstellten. In diese Richtung gehen Margarethe von Trottas „Die bleierne Zeit“ (1981) und das teildokumentarische Gemeinschaftswerk „Deutschland im Herbst“ (1978) mit Beiträgen von unter anderem Fassbinder, Kluge und Schlöndorff. Und es gab Filme, die zeigten, „wie es war“ („Der Baader Meinhof Komplex“, „Todesspiel“) oder wie es nicht war („Baader“).

Andres Veiel ist der erste, der die Zeitachse noch vor der Geburtsstunde der RAF enden lässt: der gewaltsamen Befreiung Baaders im Institut für soziale Fragen im Mai 1970. Ein Schachzug, mit dem er die Protagonisten der RAF dahin zurückholt, wo die Fronten von rechts und links sie nie haben wollten: in die vertraute bildungsbürgerliche Mitte, der sie entstammen. Als Gudrun Ensslin Andreas Baader kennenlernt, verlässt sie ihre Kleinfamilie. August Diehl als Vesper legt eine erschütternde Entwicklung hin, vom rebellischen Jungautor, allmählich verblassend wie erstickend am selbstzerstörerischen Elternbezug bis zum glanzlosen psychischen Verfall. Ihm gegenüber stehen Fehling und Lauzemis als magnetisches Liebespaar Baader und Ensslin, verbunden durch die radikale Konsequenz des „Tuns“. Fehling verleiht dabei der renitenten Figur des Baader einen Sex-Appeal, der etwas Makelloses hat. Vielleicht, weil er in seiner Skrupellosigkeit und seinem Jähzorn vollkommen unberührt scheint von der kollektiven Depression und spießigen Enge der Nachkriegsatmosphäre.

Hier lehnt sich Veiel weit aus dem Fenster, deutet sexuelle Abhängigkeit und Machtspiele zwischen Ensslin und Baader an. Natürlich hat der Zuschauer die Wahl, wie weit er sich an dieser Stelle verführen lässt. Das fatale bildungsbürgerliche Dreieck jedoch, bestehend aus Intellektualisierung (Ensslin), Skrupellosigkeit (Baader) und Depression (Vesper) wird man nicht so einfach negieren können. Dafür ist es zu vertraut und typisch deutsch. Vielleicht ist das auch die eigentliche Provokation dieses Films. Denn wer ist das, wenn nicht wir?

Text: Iris Depping

Foto: Markus Jans

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Wer wenn nicht wir“ im Kino in Berlin

Wer wenn nicht wir Deutschland 2011; Regie: Andres Veiel; Darsteller: August Diehl (Bernward Vesper), Lena Lauzemis (Gudrun Ensslin), Alexander Fehling (Andreas Baader); 124 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 10. März

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