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„Westen“ im Kino

Westen

„Es gibt bis heute eine Haltung, die davon ausgeht, dass jemand, der die DDR verlassen hat, ein Gewinner ist. Frei nach dem Motto: ‚Der hat’s geschafft.‘ Mein Film erzählt aber etwas anderes. Er macht den Versuch, an einem Punkt anzusetzen, an dem die meisten Geschichten enden. Wie ist es, in einem System neu anzufangen, das vorgibt, sehr liberal zu sein?“ Dass sich „Westen“ an einem Ort entrollt, bei dem es sich genau genommen gar nicht um diesen sagenumwobenen Westen, sondern viel mehr einen Transit handelt, ist Schwochow bewusst: „Im Notaufnahmelager greifen zwar andere Mechanismen als ‚draußen‘. Aber vieles findet sich auch in konzentrierter Form wieder. Und vor allem denke ich, dass das, was ‚drinnen‘ passiert, wiederum nicht nichts mit dem gemein hat, was außerhalb des Lagers ist. Das hängt miteinander zusammen.“
Christian SchwochowVor allem aber fließen in „Westen“ Enden ineinander, von denen häufig nicht nachzuvollziehen ist, wo eigentlich ihr Ursprung war. Die Personen treten auf. Und sie treten wieder ab. Einige bleiben erstaunlich dicht. Und man kann sich nur bedingt erklären, wieso. Da ist zum Beispiel der hagere Hans (Alexander Scheer), der, aus welchem Grund auch immer, im Lager gemieden wird. Der sich im Umgang mit Nelly und ihrem Sohn jedoch als liebenswerter Sonderling erweist. Und so sind es weniger die Fragen eines John Bird, die Nelly in den Marienfelder Wochen ins Mark gehen – es ist die Erschütterung, die passiert, wenn eine tiefgreifende Fähigkeit plötzlich ins Wanken gerät: das Vertrauen auf den eigenen Instinkt. Im Gespräch sagt Christian Schwochow: „Es ist sehr schwierig, eine neue Heimat zu finden. Vor allem eine innere Heimat.“ Und bezieht sich damit auf den Versuch eines Neuanfangs an einem fremden Ort. Doch Nelly verliert ihre innere Heimat zu einem Zeitpunkt, als der ersehnte Anfang noch nicht einmal begonnen hat. Ihr dabei zuzusehen, ist beklemmend.

Text: Carolin Weidner

Filmstills: Frank Dicks / zero one film / Senator Film

Foto Christian Schwochow: Harry Schnitger

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Westen“ im Kino in Berlin

Westen, ?Deutschland 2013; Regie: Christian Schwochow; Darsteller: Jördis Triebel (Nelly Senff), Alexander Scheer (Hans), Tristan Göbel (Alexej); ?102 Minuten; FSK 12

Kinostart: 27. März

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