Genre-Drama

„Western“ im Kino

Die Berliner Filmemacherin Valeska Grisebach entdeckt im Osten der EU ein altes Genre neu: Western ist ein großartiger deutsch-bulgarischer Abenteuerfilm mit sehr wirklichkeitsnahen Akteuren

Bist du ein Schlitzohr?“ Die Frage an Meinhard kommt unvermittelt, mitten hinein in eine Begegnung, in der es eigentlich nur um einen Beweis seiner handwerklichen Könnerschaft ging. Aber Vincent, der Mann, der hier das Kommando hat, spürt etwas Verunsicherndes. Meinhard ist irgendwie anders, lei­ser, beobachtender, immer am Rande der Gemeinschaft. „Ich will nur Geld verdienen“, antwortet Meinhard, aber die Spannung zwischen beiden bleibt, wird ­leise Paranoia, sucht sich später einen Ausdruck in der ­Rivalität um eine Frau. Die beiden Männer werden sich in ein Duell verwickeln, das so schnell kein Ende finden kann.

Eine Brigade in flirrender Hitze. Ein Dutzend Männer, die auf den Auftakt ihrer Arbeit warten. Wenn sie frei haben, machen sie Expeditionen in ein Land, das scheinbar keine Besitzer hat. Meinhard findet bald ein Pferd, das sich zähmen lässt. Er wird es so reiten, wie man es aus den Indianer-Filmen der Kindheit kennt: ohne Sattel, die Hände in die Mähne gekrallt. Er ist der Held, der auf beiden Seiten operieren könnte – Frontier Scout, Border Outlaw.

Foto: Piffl / Komplizen Film

Wem gehört dieses Land? Valeska Grisebachs „Western“ spielt nicht an den Grenzen der US-amerikanischen Pioniergesellschaft des 19. Jahrhunderts, sondern im EU-Osten unserer Gegenwart – in und um Petrelik, ­einer kleinen Gemeinde, etwa vier Kilometer von der griechischen Grenze in der bulgarischen Provinz Blagoewgrad. Das Land, die Obstbäume, das Wasser, das Pferd haben Besitzer: Adrian zum Beispiel, er hat etwas zu sagen in Petrelik. Ein möglicher Blutsbruder für Meinhard, der ihm irgendwann mit dem Gewehr in der Hand beistehen will.

Die Männer in „Western“ sollen ein ­kleines Wasserkraftwerk errichten. Die Subventionen kommen aus Brüssel, die Bautechnik aus den Neuen Bundesländern. Einmal spricht jemand von 70 Jahren, die verstrichen sind: „Jetzt sind wir wieder da.“ Vergangenheit und Gegenwart verknoten sich. Im Sommer 2015 haben nicht allzu weit von hier ­hunderttausende Menschen den Weg über die ­Balkanroute in die europäische Mitte ­gesucht. „Western“ ist auch dazu ein interessanter Kommentar. Eine Bewegung nach außen, von Grisebach mit Bedacht gewählt, wie sie im Gespräch erzählt: „Ich hatte das Gefühl, dass ich erst von der ­Ambivalenz ­gegenüber etwas Fremden erzählen kann, wenn diese deutschen Männer selbst irgendwo fremd sind.“

Vertraute Geschichten neu

Vor elf Jahren hat Grisebach mit einem Film aus der brandenburgischen Provinz ­international auf sich aufmerksam gemacht, der abstrakte Liebesvorstellungen und konkretes Erleben mit atemberaubender Direktheit verschmolz. „Sehnsucht“ (2006), wie alle Grisebach-Arbeiten mit nicht-professionellen Akteuren gedreht, beobachtete ein Liebesdreieck, an dem eine Ehe zerbricht. So offen und frei erzählte die Regisseurin, als hätte jemand diese vertraute Geschichte ganz neu entdeckt. Grisebach stellte damit auch eine Verbindung her zwischen den ­österreichischen Experimenten mit Alltags-Repräsentation und dem Neuen Realismus der Berliner Schule. Elf Jahre später kehrt nun sie mit dieser archaisch anmutenden Erzählung ins Kino zurück. Sie hat sich Zeit genommen, für Lehraufträge, für die Familie, für die Recherche und für die Vorbereitung von „Western“.

Die Frage nach der Verbindung zwischen „Sehnsucht“ und dem neuen Film stellt sich auch in unserem Gespräch früh: „Ich dachte, dass diese beiden deutschen Männerfiguren die Erwartung teilen, dass ihnen das Leben noch ein Abenteuer schuldet“, sagt Grisebach. Ihre Entscheidung, mit nonprofessionellen Akteuren zu arbeiten, lässt sich von dieser Perspektive nicht lösen, auch in „Western“ wieder. Meinhard Neumann hat sie bei seiner Arbeit als Trödelhändler auf einem Pferdemarkt gecastet, Reinhardt Wetrek, der Vincent spielt, ist tatsächlich Polier. Adrian wird von Syuleyman Alitov Letifov gespielt, er ist ihr beim Auskundschaften des Steinbruches bei Petrelik begegnet. Wie die ganze Baubrigade und die Dorfbewohner sind das nur Schauspieler auf Zeit, Menschen, die im Leben stehen, oft in sehr verwandten Rollen, und sich nun in einer Abstraktion ihres Daseins wiederfinden.

Größer als der andere

„Das Western-Genre hat mich schon von klein auf in Bann gezogen“, sagt die Filmemacherin. „Eine Gesellschaft konstituiert sich: Welche Spielregeln gelten da? Die des Stärkeren? Oder die der Empathie? Das waren Themen, die sich mit etwas Allgemeinem verbunden haben. Auch in Bezug auf Europa. Das Gefühl, man müsse sich größer machen als der andere.“

In „Western“ ist es nun ein ganzes Genre­segment, in das Valeska Grisebach eintritt – in eine Zone, in der im klassischen Western gewöhnlich die Regeneration durch Gewalt stattfindet, alte Werte wieder aktualisiert werden. Klassiker wie „The Gunfighter“ oder „Winchester 73“ zählen zu den Filmen, an die sie ganz konkret dachte, an Männer, die sich fragen lassen müssen, ob sie noch in das ­normale Leben zurückkehren können. Das Motiv der latenten Gewalt gibt „Western“ einen drohenden Unterton. Es ist Quelle von Suspense, auch für Meinhard: immer ­wieder niedergeschlagen werden, aufstehen, eine neue Herausforderung suchen. Solange das geht, ist diese Geschichte nicht zu Ende ­erzählt.

Western D/BUL/A 2017, 121 Min., R: Valeska Grisebach, D: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangoca, Start: 24.8.

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