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„Westwind“ im Kino

WestwindGeschichten vor der eigenen Haustür beflügeln Robert Thalheims Fantasie, aber der Weg von der Wirklichkeit führt nicht geradewegs zum Kino. „Am Ende ist ein Film immer eine Fiktion, die ihrer eigenen Wahrheit folgt. Aber die wahre Geschichte dahinter regt mich an, die Bilder in meinem Kopf zu überprüfen.“ Der Ort, an dem wir uns treffen, lenkt wie von selbst den Blick auf solche Bilder, die wir uns von historischen Ereignissen machen. Thalheims kleine Schreibstube und eigene Produktionsfirma liegt an der gentrifizierten Kastanienallee, in einer Etagenwohnung mit mehreren Kanzleien. Unter dem pompösen Stuck residierte einst auch Rosa Luxemburgs Anwalt. Im Berliner Zimmer hängt ein Riesengemälde der Leipziger Malerschule, das einen melancholischen Mann auf den Fliesen eines verlassenen Sommerbades zeigt. Ist das eine Abschiedsszene oder eine Zukunftsbaustelle?

Die Frage passt ebenso gut zu Thalheims neuem Film „Westwind“, der ähnlich widersprüchlich vom Gefühlstumult zweier Mädchen erzählt, die sich für oder gegen ihre Flucht aus der DDR entscheiden müssen – ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Kein pädagogisch überdeutliches „Riesenbild“ sollte es sein. Anders als die Geschichtsfilme über die DDR, die mit Klamauk und Stasi-Düsternis unsere Erinnerung besetzen, wollte der Regisseur diese persönliche Geschichte so erzählen, „als würde sie nichts über ihre Symbolik wissen“. Und ergänzt später: „Ich ziehe es vor, den dramaturgischen Überbau hinter realistischen Settings zu verstecken. Das Gefühl, der Film sei dem Leben, den Zufällen, dem Unsystematischen abgeschaut, ist mir wichtig.“

„Netto“, Thalheims Debütfilm, erzählte vom Frust eines arbeitslosen Ostberliner Malochers im Nachwende-Berlin, „Morgen kommen Touristen“ von der Verunsicherung eines westdeutschen Zivis, der bei der Arbeit in einer Begegnungsstätte in Auschwitz mit den Fallstricken des Holocaust-Gedenkens konfrontiert wird. Auch „Westwind“ taucht als Liebes- und Fluchtgeschichte in Vergangenes ein.

Die 17-jährigen Zwillingsschwestern Doreen und Isabel (Friederike Becht, Luise Heyer) trainieren 1988 in einem Pionierlager am Balaton-See in Ungarn für eine große Zukunft als DDR-Ruderteam. Aber die Ferien in Ungarn, damals der Inbegriff verführerischer Begegnungen zwischen West und Ost, eskalieren zur Zerreißprobe für das Schwesternpaar. In jenem Sommer, als der Mauerfall noch undenkbar schien, lernen die Mädchen junge Hamburger Urlauber kennen, die den harten Kontrast zum DDR-gemütlichen Sommerlager verkörpern. Sehnsucht nach Musik von The Cure und Depeche Mode, nach Strandleben und Disko-Nächten im West-Hotel bricht auf. Doreen verliebt sich in Arne (Franz Dinda), vor allem in sein Versprechen auf eine andere, größere Welt.  

Susann Schimk, die Produzentin von „Westwind“, hat diese Schwesterntrennung erlebt. Ihre Schwester Doreen folgte damals dem Impuls und forderte auch sie zu der gefährlichen Flucht in Arnes Auto heraus. Doch es kam anders. Doreen wurde später in Hamburg DJ und Musikproduzentin, Susann in Berlin Filmproduzentin. Rund zwei Jahrzehnte dauerte es, bis aus ihrer aufwühlenden Trennungsgeschichte, dem Sommer zwischen Sehnsucht und Trauma eine filmreife Geschichte entstand, die Robert Thalheim (Foto) mit seinem am osteuropäischen Kino geschulten Blick inszenierte.

Robert_ThalheimZutrauen in halb private, halb politische Stoffe impfte ihm Rosa von Praunheim, sein Dozent an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, ein. Die konkreten Lebensentscheidungen, die unaufdringlich große gesellschaftliche Themen berühren, faszinieren ihn in den Filmen seines großen Paten ­Andrzej Wajda. „Westwind“ ist solch eine Geschichte aus dem geteilten Deutschland, in der das Spiel der Schauspielerinnen, die Reinszenierung der authentischen Schauplätze, die Kontraste zwischen DDR-Liedern und Popmusik und der vorsichtige Umgang mit dem Farbengeschmack der Achtziger in Ausstattung und Licht eine dichte Atmosphäre schaffen. Die „symbolischen Resonanzräume sollten nicht zu sehr anschwellen“, begründet der Regisseur den angenehm distanzierten Naturalismus seines Films.

Gehen oder bleiben? Über-den-Zaun-Klettern nur einmal als heimliches Abenteuer oder für immer? „Die symbiotische Beziehung der Zwillinge erzählt das ganze Universum der unterschiedlichen Gefühle. Man muss das Systemhafte nicht in den Vordergrund stellen. Die Mädchen haben zuerst nicht das Gefühl, gefangen zu sein, erst wenn die Liebe ernst wird und die Sehnsucht ins Spiel kommt, stoßen sie an die Grenzen ihrer politischen Realität“, erklärt Thalheim seine Faszination für die Trennungsgeschichte der Schwestern.

Er sucht die Auseinandersetzung mit diesen unwirklich gewordenen Intensitäten. 1974 in Westberlin geboren, in den neunziger Jahren als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig und inzwischen in einer Ost-West-Beziehung lebend, fühlt er sich im Alltag immer wieder mit der geteilten Geschichte der Stadt konfrontiert. „Man sieht heute nicht mehr, dass die Mauer in Berlin stand, vor allem sieht man nicht, wie lebensgefährlich es war, sie zu überwinden“, meint Thalheim.

Je weiter der Kalte Krieg zurückliegt, desto machtvoller setzen sich die Klischees von Partei- und Stasi-Repression der DDR durch. Robert Thalheim ist sicher, dass die Auseinandersetzung über die „wahren Geschichten“ kaum begonnen hat. Sein Film „Westwind“ spielt die beiden Welten in Ost- und Westdeutschland nicht gegeneinander aus, sondern spürt der universellen Erfahrung eines jeden Flüchtlings nach, was es bedeutet, alles zurückzulassen.

Text: Claudia Lenssen

Fotos: Zorro (oben), Harry Schnitger

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Westwind“ im Kino in Berlin

Westwind Deutschland/Ungarn 2011; Regie: Robert Thalheim; Darsteller: Friederike Becht (Doreen), Luise Heyer (Isa), Franz Dinda (Arne); 90 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 25. August

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