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„When Animals Dream“ im Kino

When Animals Dream

Marie ist 16 Jahre alt, auf dem Weg vom Mädchen zur Frau. Veränderungen des Körpers gehören dazu. Doch die befremdlichen Reaktionen dieses Körpers, auch die starke Behaarung, die sie neuerdings an sich feststellt, verunsichern sie. Der kleine Küstenort, hoch oben im Norden Dänemarks, bietet ihr wenig Freude, auch der erste Arbeitstag in der Fischfabrik hat mit einem höchst demütigenden Aufnahmeritual eher etwas Furchteinflößendes. Vom Verhalten einiger der dort angestellten Männer ganz zu schweigen. Zu Hause vegetiert die Mutter an einer rätselhaften Krankheit im Rollstuhl vor sich hin, der Vater ist fürsorglich, aber von der Situation auch irgendwie überfordert. Marie, die eher schmächtig und geradezu androgyn wirkt, scheint so zerbrechlich, dass der Zuschauer um sie fürchten muss. Aber manchmal erwächst aus der Schwäche auch ein großer Zorn, der sich ungestüm Bahn bricht.
When Animals DreamDer Schrecken aus dem Norden kommt, verständlicherweise, unterkühlt daher. Dabei erzählt Jonas Alexander Arnby in seinem Debütfilm „When Animals Dream“ seine Geschichte äußerst kompakt, reduziert auf das Wesentliche, dabei den Fokus auf Bilder und Blicke legend – gesprochen wird hier nicht viel.
„In der Gegend, wo der Film spielt, reden die Leute nicht viel“, sagt Arnby im Interview während des Filmfests München. „Ich selber bin aus Kopenhagen, habe aber vor langer Zeit ein Musikvideo in der Gegend gedreht. Nicht nur gibt es da diese erstaunliche Landschaft, es ist auch der einzige Platz, wo dieses harte protestantische Gefühl herrscht, Elemente wie aus einem dänischen Märchen, aber nicht so poliert wie bei Hans Christian Andersen. Es ist eine Gegend, wo man den Eindruck hat, die Zeit ist stehen geblieben.“ Die Nebendarsteller hat Arnby alle vor Ort rekrutiert – auch Hauptdarstellerin Sonia Suhl, die zwar Theatererfahrung hatte, aber noch nie vor der Kamera gestanden war.
„Sie war 17 Jahre alt, als ich sie entdeckte. Ich habe anderthalb Jahre damit verbracht, sie darauf vorzubereiten, denn ich wollte sicher sein, dass sie die physischen Herausforderungen der Rolle bewältigen konnte. Ein achtzehnjähriges Mädchen, das nur berühmt werden will, wäre eine Katastrophe für den Film gewesen. Also machte ich ihr klar: Es wird harte Arbeit werden, du musst nackt vor die Kamera treten – und die Entwicklung der Figur, das wird extrem.“
Was „When Animals Dream“ von anderen Genrefilmen abhebt, ist die Tatsache, dass die sich in einen Werwolf transformierende Marie nie in voller Verwandlung gezeigt wird. So bleibt, trotz aller Szenen, bei denen Menschen brutal zu Tode kommen, die Poesie gewahrt, das Mysteriöse, das Marie umgibt.
When Animals Dream„Wir haben zuerst die ganze Geschichte geschrieben, am wenigsten Zeit haben wir mit Gedanken darüber verbracht, wie die Kreatur aussehen sollte. Maries Verwandlung ist den ganzen Film über persönlich motiviert, nicht wie in einem amerikanischen Film, wo es passiert, weil sie den Mond anblickt. Mein Ko-Autor und ich sprachen darüber, wer Marie ist, was sie über sich herausfindet, in welchen Umständen sie sich befindet, wer ihre Widersacher sind und was  die Herausforderungen in ihrem Leben“, bekräftigt Arnby, der als Inspirationen für seine Hauptfigur Debra Graniks „Winter’s Bone“ und Andrea ?Arnolds „Fish Tank“ nennt.
Anfragen für ein Hollywood-Remake hat Arnby auch schon bekommen. „Damit will ich nichts zu tun haben“, winkt er ab. Dafür weiß er schon, was er als Nächstes machen wird: „Das wird eine Geschichte, die auf einer Insel spielt, die am nächsten zum Nordpol liegt und teils norwegisch, teils russisch ist. Dort leben 2.000 Einwohner und 6.000 Polarbären. Ein Idealist betreibt dort ein Hotel, wo man seinen eigenen Selbstmord arrangieren kann.“ Willkommen im hohen, kalten Norden.

Text: Frank Arnold

Fotos: 2014 PROKINO Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „When Animals Dream“ im Kino in Berlin

When Animals Dream (Nеr dyrene drшmmer), Dänemark 2014; Regie: Jonas Alexander Arnby; ?Darsteller: Sonia Suhl (Marie), Lars Mikkelsen (Far, Maries Vater), Sonja Richter (Mor, Maries Mutter); 84 Min.

Kinostart: Do 21.08.2014

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