Vexierspiel

„Where is Rocky II?“ im Kino

Der Fels in der Wüste: „Where is Rocky II?“ fragen sich etliche Zeitgenossen in diesem virtuosen Genremix

Foto: Rapid Eye Movies

Die Skulptur eines Felsens aus Fiberglas. Ein paar verschwommene Fotos, die den als ­Fotografen und Pop-Art-Maler bekannten Ed Ruscha, einen der berühmtesten lebenden Künstler weltweit, Ende der 1970er-Jahre bei der Aufstellung seines Kunstfelsens inmitten echter Felsen in der Mojave-Wüste in Kalifornien zeigen. Und die Bilder einer Pressekonferenz von 2014, in der Ruscha bestätigt, ­„Rocky II“ nun als haltbareren Nachfolger einer Konstruktion aus Pappmaschee und Kleister geschaffen zu haben, der die Tiere der Wüste schon nach drei Wochen den Garaus gemacht hatten. Aber wo er „Rocky II“ aufgestellt habe, das wolle er nicht verraten.

Ein Felsen inmitten von Felsen. Ein unauffindbares Kunstwerk. Ist das überhaupt Kunst? Pierre Bismuth, französischer Künstler, Autor und Filmemacher, der als Koautor für die Originalstory zu Michel Gondrys „Vergiss mein nicht“ (2004) den Oscar gewann, meint ja – und macht sich auf die Suche. Oder besser: Er lässt suchen und beauftragt einen Privatdetektiv mit Recherchen. Die sind wiederum im Film zu sehen: Michael Scott sucht Museumsdirektoren, Kuratoren und Sammler auf, spricht mit einem BBC-Dokumentarfilmer, blickt auf von Ruscha selbstgezeichnete, vage Wegbeschreibungen.
Doch irgendwie sieht „Where’s Rocky II“ gar nicht aus wie ein Dokumentarfilm: Kamera­positionen, Montage und Thrillermusik weisen eindeutig auf eine fiktionale Inszenierung hin. Ist der Detektiv gar kein Detektiv? Oder ist er ein echter Detektiv, der nur so tut, als ob er recherchiert? Oder recherchiert er wirklich und wirkt gleichzeitig in einer Nachinszenierung seiner Recherchen mit? Oder sind seine realen Recherchen von vornherein so inszeniert, dass sie fiktional wirken?

Und dann gibt es noch zwei weitere Ebenen im Film, denn Bismuth füttert mit den Ergebnissen der Recherche die Hollywood-Drehbuchautoren D.V. DeVincentis („High Fidelity“) und Anthony Peckham („Sherlock Holmes“), die sich ihrerseits für ein „Monument One“ betiteltes Projekt eine ziemlich wilde Räuberpistole ausdenken, die bruchstückhaft ebenfalls zu sehen ist: Was wäre, wenn in dem Felsen die Leiche eines Kunsthändlers verborgen wäre oder doch zumindest etwas, das die Karriere des Künstlers nachhaltig ruinieren würde? Und könnte der Detektiv nicht vielleicht seinen Auftraggeber hintergehen, das Kunstwerk für sich selbst behalten und gleich auch noch den Künstler umbringen, weil Kunst von Toten immer gleich viel teurer ­gehandelt wird?

„Where’s Rocky II“ ist ein höchst vergnüg­liches und unterhaltsames Vexierspiel um ­filmische und künstlerische Wahrnehmung, das die Grenzen von Dokumentarischem und Fiktion ständig verschiebt.
Irgendwann wird schließlich ein Mann namens Jim Ganzer aufgetan, ein Künstler, Surfmode-Designer, „Rock Consultant“ und Freund von Ruscha, der einst an der Herstellung des ­Fiberglasbrockens mitgewirkt hatte. Der lässt en passant fallen, dass er „Rocky II“ nie als Kunstwerk begriffen habe. Vielleicht sei der Felsen nur als Abdeckung für einen Generator hinter Ruschas Haus gedacht gewesen. Eine weitere Legende? In diesem Film wird man es nicht abschließend erfahren, denn hier ist eindeutig der Weg das Ziel. Und auf diesem Weg hat „Rocky II“ vor allem eines inspiriert: neue Kunst.

Where is Rocky II? F/D/B/I 2016, 93 Min., R: Pierre Bismuth, D: Michael Scott, D.V. DeVincentis, Anthony Peckham,
Start: 20.10.

Bewertungspunkte2

Mehr über Cookies erfahren