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„Whores\ Glory“ im Kino

Whores' Glory

Einfach waren die Dreharbeiten naturgemäß nicht, Bilderverbote oft kaum auszuhebeln: „In Thailand verbietet mir der Zensor, Sex darzustellen“, erzählt Glawogger. „In Bangladesh ist der Zensor bestechlich, aber das nütze ich nicht aus, nur in Mexiko gibt es keinen Zensor. In Thailand kann man um Drehgenehmigungen nicht einmal ansuchen – weil es Prostitution offiziell gar nicht gibt. Und selbst wenn man es dann mit viel Glück und Beharrlichkeit schafft, dort zu drehen: Der Zensor muss jede Filmrolle persönlich unterschreiben, sonst verlässt sie das Land nicht.“ Selbst-Zensur übt Glawogger nicht. Er habe beim Drehen „alles zugelassen“, zum Beispiel auch „ein Verbrechen gefilmt“: den Kauf eines jungen Mädchens im Bordell von Faridpur. Er zeige es, „weil es mir begegnet ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das legitim ist, und habe schließlich entschieden, es zu tun“. Seltsamerweise sieht „Whores’ Glory“ dennoch nicht aus wie ein Film, der Tabus brechen wollte. Man könnte, nach Ansicht des ersten Drittels dieser Arbeit, tatsächlich noch meinen, so etwas wie einen keuschen Film über Prostitution zu erleben. „Whores’ Glory“ ist riskant konzipiert. Die erste Episode erscheint noch erstaunlich konventionell – perfekt fotografierte Schauplätze (die thailändischen fishtanks, in denen die jungen Frauen sich buchstäblich hinter Glas ihren Freiern anzubieten haben), aseptische Oberflächen, keine Spur von den physischen und psychischen Folgen dieser Profession: käuflicher Sex als virtuelle Größe. Im Konzept des Triptychons gebe es eben „die Leichtigkeit, das Schillern des ersten Flügels – erst dann geht es ans Eingemachte“, sagt Glawogger dazu. „Wenn man ein Triptychon von Hieronymus Bosch betrachtet, bleibt man ja auch immer am rechten Flügel hängen. Aber es gibt keinen schöneren Einstieg in eine Kinoerzählung über Prostitution als diese gläserne Trennwand zwischen Männern und Frauen.“
Aber erst mit der Verschiebung von Thailand nach Bangladesh, ins Hurenviertel von Faridpur, gewinnt „Whores’ Glory“ an Faszination: Die Bilder, die Kameramann Wolfgang Thaler dort gelingen, besitzen eine fast unwirkliche Qualität – Momentaufnahmen vom alles andere als reibungslosen sozialen Zusammenspiel kunstvoll verhüllter Prostituierter in engen Korridoren und desolaten Schlafzimmern. Thalers Höllenmalerei setzt sich im geisterhaften Finale in der Prostituiertenenklave „La Zona“ im winterlichen mexikanischen Reynosa fort. Die einzige explizite Sexszene dieses Films findet übrigens dort statt: ein bloß fremder, deprimierender, jedem Glamour entrückter Akt. Er mache eben Filme ohne die sprichwörtliche „Moral von der Geschichte“, meint Glawogger noch. Unmoralisch sind sie nicht.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Whores‘ Glory“ im Kino in Berlin

Whores’ Glory, Österreich/Deutschland 2011; Regie: Michael Glawogger; 118 Minuten; FSK 16

Kinostart: 29. September

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