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„Wie alles endet“ beim achtung berlin-Festival

Und plötzlich ist dann alles ernst. Die größte Verantwortung ist nicht mehr, betrunken das Fahrrad stehen zu lassen. Es geht um Leben. Es geht darum, die ewige Stufe des Kindseins zu verlassen. Man wird Mutter oder Vater und hat vor allem erstmal eines: eine Menge Schiss. Was ist mit meiner Freiheit? Was ist mit meinen Freunden? Und kann ich jemals wieder schwach sein? Über diesen Moment hat Kai Seekings, Berliner Filmemacher und Noch-Nicht-Vater, einen Film gemacht, der jetzt auf dem Achtung Berlin Festival läuft. Große Teile von „Wie alles endet“ hat Seekings in der Bar25 und im Salon zur wilden Renate gedreht. Aus gutem Grund. Welche Orte könnten bezeichnender sein für das Streben nach ewiger Freiheit im Club?
Karl (David Bredin) ist 32 und Betreiber eines Bestattungsinstitutes. Mit seinen Freunden (u.a. Stipe Erceg) wabert er von Rausch zu Rausch, von surreal anmutenden Maskenbällen in Betten fremder Frauen, bis eben eins dieser Abenteuer nicht folgenlos bleibt. Anna ist schwanger und die Ansprüche seines Umfelds und sein Pflichtgefühl bringen Karls bisherige Idealvorstellungen durcheinander.
„Mir geht seit vielen Jahren das Spannungsfeld Selbstverwirklichung contra Kompromiss Familie durch den Kopf“, sagt der Regisseur und Drehbuchautor. „Ich habe beide Extreme gelebt: Eine Beziehung mit Frau und Kind gefolgt von einem Leben in einer Party-WG. Beides hat Vor- und Nachteile.“ Dennoch soll sein Film ein Plädoyer für die Familie sein, denn er beobachtet bei seiner Generation eine Verweigerung des Erwachsenwerdens: Die Party dauert ewig, sie ist Gegenmodell zu üblichen Rollenbildern und Sinnbild dauerhafter Lebendigkeit. „Ich denke aber, dass der Hedonismus und Selbstverwirklichungstrieb nicht vollkommen und ehrlich befriedigt. Letztendlich macht das Familienmodell am meisten Sinn.“
Für Kai Seekings bedeutet das Ausgehen vor allem: „Kommunikation und Geselligkeit.“ Nicht wenige aus seinem Filmteam hat er im Club kennengelernt. Aber natürlich ist Feiern mehr als bloße Kontaktpflege. „Tanzen ist Ausdruck von Lebensfreude. Rauschmittel bringen kurzeitige Hochgefühle, Endorphine, Lebendigkeit“, sagt der Filmemacher. Er sieht verschiedene Gründe für die Entwicklung der Partygeneration. „Wir sind die Ersten, die es sich finanziell leisten können, sich selbst zu verwirklichen. Uns wurde Karriere anstatt Familiengründung gepredigt. Zugang zur Bildung für fast alle, Reisefreiheit oder Absicherung im Sozialstaat ergeben das Paradox, dass wir den ursprünglichsten aller Triebe, den der Fortpflanzung, zur Erhaltung der Art, in Frage stellen.“ Ob es derart schlecht um uns steht, sei dahin gestellt, dennoch gibt „Wie alles endet“ einen sehenswerten, schwarzhumorigen Einblick in die Phase des Erwachsenwerdens, an der man das schützende Geländer der Jugend loslässt und sich darauf einlässt, ein anderes Leben zu leben.
Durch die Familiengründung sei „man gezwungen, sein Verhalten und sein Weltbild zu überdenken“, glaubt Seekings. „Rauschmittel sind zu einfach, echtes Glück muss anders entstehen.“ Und nicht wenige würden behaupten, wer Wochenende für Wochenende an den Bars nach etwas sucht, das er für Erfüllung hält, der könnte ruhig einmal die nächste Stufe versuchen: Nestbau in der Wunschkonstellation statt Familiensimulation mit der Party-Zweckgemeinschaft.

Text: Laura Ewert

Wie alles endet (Deutschland 2010); Regie: Kai Seekings; Darsteller: David Bredin (Karl), Alexandra Kalweit (Anna), Stipe Erceg (Rolf); Farbe, 30 Minuten

Sa 17.4., 18 Uhr, Babylon Mitte
So 18.4., 22.30 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Mo 19.4., 17.30 Uhr, Passage Neukölln

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