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„Winter\s Bone“ im Kino

Winters_BoneDem Aussehen ihrer Holzhäuser nach zu urteilen, leben die Menschen in den Ozark Mountains von Missouri am Rande des Existenzminimums, womit genau sie ihren Lebensunterhalt verdienen, möchte man lieber nicht wissen. Aus dem Kino kennt man sie eigentlich nur als mörderische Bedrohung für Großstädter, die sich hierher verirrt haben. Man denke nur an zahlreiche Splatterfilme oder auch an John Boormans „Deliverance“. Dessen Hauptdarsteller Burt Reynolds leistete in den Siebzigerjahren so etwas wie eine bescheidene Abbitte mit einer ganzen Reihe von Filmen, die in diesem „White Trash“-Milieu angesiedelt waren und in denen sich Mörderisches und Komisches die Waage hielten. Als Schwarzbrenner sind diese Typen schon viel länger eine Klischeefigur des US-amerikanischen Kinos.

„Winter’s Bone“ kommt das Verdienst zu, aus diesen Typen lebendige Menschen zu machen, durchaus widersprüchliche Charaktere. „Winter’s Bone“ ist der zweite Spielfilm der 1963 geborenen Filmemacherin Debra Granik. In ihrem Debüt „Down to the Bone“ (2004; hierzulande leider nie gezeigt) näherte sie sich einem jungen drogenabhängigen Pärchen in Upstate New York mit der Behutsamkeit und der Genauigkeit einer Anthropologin, und auch in ihrem neuen Film geht sie ähnlich vor. Was auch heißt, dass sie nicht einer falschen Romantisierung des Milieus Vorschub leistet, in dem statt Schnapsbrennen längst die Herstellung synthetischer Drogen zur Gewohnheit geworden ist.

Ree ist 17 und muss schon die Familie zusammenhalten, sich um ihren zwölfjährigen Bruder und ihre sechsjährige Schwester kümmern. Ihre Mutter dämmert seit längerer Zeit stumm vor sich hin, ihr Vater ist seit einigen Wochen spurlos verschwunden. In ein paar Tagen muss er vor Gericht erscheinen, damit die gestellte Kaution nicht verfällt, für die er als Sicherheit Haus und Grundstück verpfändet hat. Bei ihrer Suche nach ihm muss Ree erfahren, dass die im weitesten Sinne verwandtschaftlichen Bindungen ihr keine automatische Unterstützung gewähren. Verdächtigungen und generelles Misstrauen schlagen ihr entgegen, es geht um Hierarchien und Regeln, gegen die man nicht ungestraft verstößt.
Das Krimi- und Thrillerelement, das dieser Geschichte zugrunde liegt, treibt sie voran, aber Granik lässt genügend Raum für die dokumentarische Darstellung dieser fremden Kultur. Zwischendurch muss Ree ihren kleinen Geschwistern beibringen, wie man ein Eichhörnchen jagt und häutet.

Sie wusste nichts über diese Kultur, erklärt Debra Granik bei unserem Interviewtreffen. „Zudem gehört diese Gegend zum Bible Belt. Da habe ich natürlich eine Menge Vorurteile, die aus meinem liberalen Aufwachsen an der Ostküste entspringen. Ich musste mich geradezu zwingen, mich dafür zu öffnen – „unbuckling the belt“ habe ich das genannt. Danach war ich bereit, Neues aufzunehmen. Ich suche immer nach Gelegenheiten, in meinem eigenen Land eine Verbindung herzustellen, zu den spezifischen regionalen Kulturen darin. Meine bevorzugten deutschen Regisseure haben das immer geschafft, Werner Herzog zum Beispiel, ich denke an ‚Stroszek‘.“ Als die „visuelle Anthropologin“, als die sich Granik sieht, recherchierte sie ausführlich in dieser Gegend, machte sich Notizen über bestimmte Rituale, „wie Leute auftreten, wie sie ihre Wohnungen einrichten.“

Während Ree die Zeit davonläuft, scheint die Mauer des Schweigens immer höher zu werden. Als das Mädchen es endlich geschafft hat, zu dem Patriarchen vorzudringen, dessen Wort hier Gesetz ist, wird sie von einer Gruppe Frauen zusammengeschlagen. Auch in deren Rolle zeigen sich die Ambivalenzen dieser Kultur.

„Es gibt eine Tradition, in der die Frauen sich selber als Hill Women beschreiben, das ist ein Teil ihrer eigenen Identität“, so Granik. „Dazu gehört auch die Verwendung dieser Sprache, das konnten wir an den Töchtern der Familie sehen, auf deren Land wir drehten. Das heißt, sie mögen es nicht, dass andere ihnen sagen, was sie zu tun haben. Das heißt allerdings nicht, dass sie ihren Vater nicht ehren. Auf den hören sie schon, er macht die Regeln, ist dabei aber kein Tyrann. Seine Partnerin übernimmt hier das Ruder, als sie Ree zusammenschlagen. Das ist eine sehr interessante Art, die Macht zu teilen.“ 

Alles scheint auf ein tragisches Ende hinzusteuern, aber die tatsächliche Lösung, die Granik im Dialog mit ihrer Vorlage findet, ist überraschend. „Winter’s Bone“ basiert auf einem Roman des hierzulande noch zu entdeckenden Autors Daniel Woodrell, dessen Bürgerkriegswestern „Ride With The Devil“ Ang Lee verfilmte, auch eine untypische Reise in die amerikanische Seelenlandschaft.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Winter’s Bone“ im Kino in Berlin

Winter’s Bone USA 2010; Regie: Debra Granik; Darsteller: Jennifer Lawrence (Ree), John Hawkes (Teardrop), Kevin Breznahan (Little Arthur); 100 Minuten; FSK 12

Kinostart: 31. März

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