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„Wir sind was wir sind“ im Kino

Wir sind was wir sind

Wenn ein Familienvater plötzlich stirbt, wirft das immense Probleme für die Angehörigen auf. So auch in diesem mexikanischen Debütfilm. Dazu kommt hier, dass es sich nicht um eine normale Familie handelt. Weder einfach um eine normale arme Familie, die in einem der nicht so erlesenen Viertel von Mexico-City lebt, noch um eine normale dysfunktionale Familie, bei der Streit zum Alltag gehört. Diese Familie ist zusätzlich eine Kannibalenfamilie.
Während jedoch ein Hannibal Lecter Leser und Zuschauer daran teilhaben lässt, wie er seine Opfer am liebsten zubereitet und verspeist (und Ridley Scott dies in „Hannibal“ auch recht drastisch in Szene setzte), wären derartige Gourmetschilderungen für diese Kannibalenfamilie der pure Luxus, sie kämpft ums nackte Überleben. Während die Schwester in dem älteren Bruder das künftige Familienoberhaupt sieht, leidet der unter der Mutter, die ihn fortwährend kritisiert, und hat mit seinem hitzköpfigen jüngeren Bruder genug zu tun. Zudem scheint er sich gerade in der Phase des Coming Out zu befinden. Was das Heranschaffen und Töten neuer Opfer anbelangt, mit denen die Familie ein ominöses Ritual vollziehen muss, um überleben zu können, tut nicht nur er sich schwer.
Die Gewalt der mexikanischen Gesellschaft, die immer wieder für Schlagzeilen sorgt, etwa wenn Massengräber mit enthaupteten Leichen gefunden werden, übersetzt der Film in die Gewalt innerhalb einer Familie. Die allegorischen Untertöne sind dabei unübersehbar. Splatterfans dürften hier kaum auf ihre Kosten kommen, denn die Akte des Kannibalismus und der Verstümmelung finden fast gänzlich außerhalb des Bildes statt.
Vielmehr gefällt der Film durch seinen lakonischen Tonfall (etwa in der wortlosen Anfangssequenz) und durch sein Sounddesign – wenn die Tänzer in der Disco sich zu einer für den Zuschauer nicht hörbaren Musik bewegen, darf man durchaus an Luis Buсuel denken, der ein halbes Jahrhundert zuvor in „Los Olvidados“ die neorealistische Schilderung einer Jugendbande mit surrealistischen Momenten anreicherte.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Wir sind was wir sind“ im Kino in Berlin

Wir sind was wir sind (Somos lo que hay), Mexiko 2010; Regie: Jorge Michel Grau; Darsteller: Francisco Barreiro (Alfredo), Alan Chбvez (Juliбn), Paulina Gaitan (Sabina); 90 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 2. Juni

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