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Wolfgang ­Müller über sein Buch „Subkultur Westberlin 1979-1989“

Wolfgang_Mueller_c_HS-5Herr Müller, bei den Meldungen zum Flughafen-Fiasko kann man doch nur zu dem Schluss kommen: Ihre Subkultur lebt, sie ist jetzt aber im Mainstream angekommen: Wir sind die Stadt der Genialen Dilletanten …
Da würde ich ganz klar widersprechen. Das sind geniale Dilettanten mit nur einem L und zwei T. Und ich würde das „genial“ auch noch wegstreichen.

Wo aber findet man die einstige West-Berliner Subkultur denn dann? Immer noch hier in Kreuzberg?
Subkultur ist kein Begriff, der projiziert werden kann auf Leute, die grüne Haare haben oder wie Punks aussehen. Subkultur ist etwas, was immer wieder entsteht, aber in seiner Zeit von der Mainstreamkultur wenig wahr- und ernst genommen wird.  Es wäre sinnlos, das in einem zeitlich strikt linearen Verlauf zu betrachten. Subkultur entsteht ständig und wird auch ständig neu definiert. Genau wie Hochkultur.  Die Ausstellung „Gebärde Zeichen Kunst – Gehörlose Kultur – Hörende Kultur“, die ich mit An Paenhuysen kürzlich im Bethanien kuratiert habe, hatte zwar Besucherrekord und wurde von gehörlosen Künstlern als „historisch“ bezeichnet, ist von den lokalen Berliner Medien aber kaum wahrgenommen worden. Man könnte sie also gut auch als eine Ausstellung der Subkultur bezeichnen.

In Ihrem Buch wird der Werdegang Ihrer Band Die Tödliche Doris geschildert. Eigentlich dachte man doch, die Szene wären schräge Vögel im Dauerrausch gewesen. Sie hingegen hatten einen stringenten Plan.
Das Doris-Konzept war tatsächlich ziemlich präzise und konzeptionell, nicht so spontan wie oft vermutet. Ich konnte Nikki (Nikolaus Utermöhlen) überzeugen, statt weiter an der HdK bei Prof. Ramsbott Bilder zu zeichnen die bildende Kunst eher mit dem Material Musik umzusetzen. Klang als skulpturales Material, so entstand Die Tödliche Doris.

Einige Ihrer Zeitgenossen wie Die Einstürzenden Neubauten oder im Filmbereich Jörg Buttgereit haben sich mittlerweile als Künstler etabliert, während andere komplett von der Bildfläche verschwunden sind. War das nur Zufall?
Einerseits ist es schon richtig, dass auch der Zufall eine Rolle spielt; wer trifft einen guten Produzenten, oder kann sich jemand gut selbst organisieren oder promoten? Andererseits wird an Jörg Buttgereit deutlich, wie wichtig Kontinuität ist. Er verfolgt eine Idee, und falls diese fünf Jahre lang out oder in sein sollte, ist ihm das irgendwie auch egal. Andere Leute verfolgen hingegen Konzepte nur so lange, wie sie erfolgreich sind, und entsorgen die Versuche, wenn sie dann etwas anderes machen, von dem sie glauben, es komme wohl beim Publikum besser an. Die Dadaisten wie Raoul Hausmann oder Kurt Schwitters wären heute nicht so bekannt, hätten sie nicht so fleißig ihre eigenen Sachen gesammelt und dokumentiert.

Kann man dieses Buch auch in dem Sinne verstehen, dass Sie Die Tödliche Doris angemessen gewürdigt sehen wollten? 
Ich habe meine subjektive Sicht verschränkt mit der gesamten West-Berliner Subkultur-Geschichte.  Da bisher keine und keiner die Möglichkeit ergriff, den Körperbildungsprozess der Tödlichen Doris endlich mal ausführlich zu beschreiben, habe ich gedacht, dann muss ich’s wohl selber machen. Das war reine Notwehr (lacht). 

Ihre Zeitgenossen werden eigentlich recht wohlwollend betrachtet, nur Ben Becker kommt schlecht weg in Ihrem Buch … 
Da bin ich anderer Meinung. Wenn da eine Kritik herausgelesen werden kann, dann beträfe das doch viel eher die Medien, die Ben Beckers Bibellesungen mit Klaus Kinskis Jesus-Christus-Erlöser-Skandal gleichsetzen. Oder wenn sie ihn in arte als Punk mit halbkrimineller Vergangenheit darstellen und dabei vergessen, dass er doch in allererster Linie ein professioneller Schauspieler aus gutbürgerlichem Hause ist. So ist das eben: Es gibt Menschen der Achtziger-Punkszene, wie Graf Haufen, der damals als 13-Jähriger unzählige Tapes produzierte und veröffentlichte, aber Außenstehenden heute einfach nicht so bekannt als Punk ist. Und andere haben im gleichen Zeitraum Kontakte zu Prominenten gesucht, deren Strategien studiert und sich erfolgreich ein Outsider-Image gebastelt.   

Berlin zehrte sehr vom Ruf der wilden, kreativen Frontstadt. War denn dieser Standort wirklich so essenziell?
Vieles, was in den 80ern in West-Berlin produziert wurde, versuchte ja auch nur ähnlich zu sein wie anderes, welches an schöneren Orten und in anderen Zusammenhängen entstanden war. Da maß man sich mit einem fremdem musikalischen Kontext und war somit losgelöst von der Realität der Umgebung. Die Musik der genialen Dilletanten hingegen hat ihre Umgebung deutlich in Klängen, Gesten und Tönen reflektiert. Das klingt dann vielleicht interessant, aber nicht unbedingt schön. West-Berlin war ja auch nicht besonders schön, sondern eher etwas mottig und muffig. Das Essen war grausam, die Gastronomie war schrecklich. Die Toilette meiner Wohnung befand sich eine Treppe im Flur höher. Kohleluft überall. Entweder macht man Musik, um sich und diese Umgebung zu vergessen, dann konnte man in den 70ern auch eine elegant-schöne Musik wie Roxy Music in Berlin machen, oder aber man versuchte, die Realität zu thematisieren.

Wenn Sie einem Besucher heute einen Platz nennen sollten, an dem die von Ihnen beschriebene Subkultur in Berlin immer noch erfahrbar ist, wo wäre das?
Es gibt da die Galerie St. St., die Transen-Galerie in der Sanderstraße. Wenn man dort reinkommt, beginnt eine Zeitreise. Aber nicht als Nostalgie, zurück in die Achtziger und so, sondern man befindet sich in Juwelias Zeitblase, welche die Zeitlosigkeit und Freizeit der Achtziger in einen neuen Kontext stellt.

Und wenn jetzt so ein Relikt der 80er zu Ihnen kommt und sich beschwert, dass Sie ihn in Ihrem Buch vergessen hätten, was antworten Sie dem? 
Manche sehen sich und die Zeit gut getroffen. Andere kritisieren, dass sie oder das, was sie selbst für wichtig halten, verzerrt ist oder gar nicht vorkommt. Das ist aber logisch. Zum einen wurde das Buch aus einer subjektiven Position, nämlich meiner, verfasst. Und zum anderen war der Umfang leider auf 600 Seiten begrenzt. Ich kann deshalb alle Unzufriedenen nur bitten: Schreibt eure eigenen Bücher. Ich kann mich ja nicht um alle kümmern.

Interview: Hagen Liebing

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