• Kino & Stream
  • Wong Kar-wai über seinen Film „The Grandmaster“

Kino & Stream

Wong Kar-wai über seinen Film „The Grandmaster“

The_Grandmaster_01_c_WildBunchDistribution_Wong_Kar-wei_20137779_7Herr Wong, Sie haben als Regisseur („Ashes of Time“) und Drehbuchautor (u. a. „Saviour of the Soul“) mehrfach im Martial-Arts-Fantasy-Filmgenre gearbeitet. Was bewog Sie, sich mit Ip Man (1893–1972) einer realen Person der Zeitgeschichte zuzuwenden?
Ich war in meiner Kindheit ein großer Fan der Filme mit Bruce Lee, und der hatte bekanntlich in den 1950er-Jahren bei Meister Ip Man Wing-Chun-Kung-Fu gelernt. Eine Persönlichkeit, die ich faszinierend fand. Als wir jung waren, galten die Hongkonger Kampfkunstschulen als gefährliche Orte, wo man Ärger bekommen konnte. Normalerweise würden Eltern ihre Kinder nicht dorthin schicken.

Weil sie häufig mit Triaden in Verbindung standen …
Ja. Jedenfalls machte mich das neugierig, das war sehr geheimnisvoll. In einer Szene des Films sieht man einen Knaben draußen stehen, der Tony Leung anschaut – das bin ich!

Sie sind bekannt dafür, ohne fertiges Skript zu drehen. Nun werden gleich drei Autoren in den Credits genannt: neben Ihnen noch Zou Jing-Zhi und Xu Hao-Feng.
Ich kenne mich aus, was den geschichtlichen Hintergrund in Südchina und Hongkong angeht. Aber in Bezug auf das damalige Leben im Norden, die Mandschurei und die nordchinesischen Meister, da ist Xu Hao-Feng der Experte. Das Verhalten der Menschen dort ist vollkommen anders, ebenso ihre Art, zu sprechen, und ihre Geisteshaltung. Und Zou Jing-Zhi ist jemand, der sehr gut Dialoge schreiben kann. Unsere Zusammenarbeit sah so aus, dass ich mir die Story ausdachte, und sie entwickelten die Charaktere im Rahmen dieser Story. Dann arbeiteten wir im Team am Drehbuch.

Was sah Ihr Konzept für den Film aus, der viele Ihrer typischen Stilmerkmale aufweist und in der zweiten Hälfte dramaturgisch recht eigenwillig aus dem Rahmen fällt?
Wenn ich einen Film mache, denke ich nicht als erstes über den Stil nach. Uns interessierte zunächst Ip Mans Persönlichkeit, seine Kunst. Wir wollten Kampfkunst total authentisch präsentieren. Wir drehten mit den Kung-Fu-Trainern, die am Set mit dem Action-Team zusammenarbeiteten. Wir benutzten keine computergenerierten Bilder bei den Kampfszenen. Einige der Darsteller unterzogen sich einem 18-monatigen Training, um fähig zu sein, die Bewegungsabläufe schulmäßig auszuführen. Die Dreharbeiten mit all den Kung-Fu-Meistern am Set waren sehr problematisch. Es kam vor, dass sie sagten: „Nein. Unsere Technik ist so gut, da reicht nur ein Schlag. Und das geht so schnell, dass man es gar nicht sieht. Wenn zwei Schläge nötig sind, bedeutet das, dass man kein Meister ist.“ (lacht) Aber im Film können wir das natürlich nicht machen, und wir mussten sie von der Notwendigkeit einer Choreografie überzeugen. Für Yuen Woo-Ping war das nervtötend, er choreografierte eine schöne Actionszene und musste sich dann die Kommentare der Meister anhören: „Die Handstellung muss so sein, und der Kick war zu hoch. Diese Schlagkombination war falsch.“ Das war sehr, sehr schwierig. Was die Dramaturgie angeht: Im Hongkong-Kino gibt es bestimmte Formeln, die Erzählstrukturen sind sehr konventionell. Ich habe mich immer bemüht, diese Strukturen etwas zu verändern.

The_Grandmaster_14_c_WildBunchDistributionEs wird viel über die Philosophie der Kampfkunst geredet.
Grundsätzlich sollte man bescheiden auftreten, denn bei den Martial Arts ist die Hand eine Waffe. Viele Leute halten Martial Arts für eine Sportart. Aber das ist kein Sport, es ist eine Waffe, sie tötet. Daher muss man dieses Können sehr vorsichtig handhaben und sorgfältig abwägen, an wen man es weitervermittelt. Im traditionellen chinesischen Denken ist man der Auffassung, dass man von den Vorvätern ererbtes Wissen nicht für sich behalten, sondern weitervermitteln soll. Das gilt besonders in der Welt der Kampfkünste. Man erlernt das Können, die Techniken vom Meister, und dann bewahrt man sie. Zu einem bestimmten Zeitpunkt muss man sie weitergeben an die nächste Generation. Das ist ein zentrales Thema im Film, der nordchinesische Großmeister Gong Bao-Sen nimmt diese Verantwortung sehr ernst.

Handelt es sich bei ihm und anderen Figuren im Film auch um Personen, die wie Ip Man wirklich gelebt haben?
Nein, sie sind fiktional, aber ihre Charaktere basieren in gewisser Weise auf realen Vorbildern – prominente Persönlichkeiten in der Martial-Arts-Historie.

Neben Ip Man stellen Sie eine junge Frau, Gong Bao-Sens Tochter, ins Zentrum des Filmgeschehens.
Wir hatten nicht vor, ein Biopic über Ip Man zu machen. Und da ich Frauen generell sehr schätze, spielen sie in meinen Filmen eine große Rolle. Zhang Ziyi stellt ja eine sehr starke Persönlichkeit dar, zu einer Zeit, wo Frauen in Wirklichkeit nichts zu sagen hatten und häufig unterdrückt wurden. Sie ist eine Art Symbolfigur für weibliche Emanzipation und Gleichberechtigung.

Dann gibt es da eine vom taiwanesischen Star Chang Chen verkörperte enigmatische Figur, Razor genannt. Sie erscheint bloß in vier Szenen, und man fragt sich: Wer ist das? Welche Rolle spielt er im Film?
Anhand der Figur wird im Vergleich mit Ip Man gezeigt, wie wenig Einfluss Menschen im Grunde auf ihr Schicksal haben – darauf, ob sie im Licht oder im Schatten leben. Beide hatten eine schwere Zeit während der japanischen Okkupation. Beide kommen zu etwa der gleichen Zeit in den 50ern nach Hongkong. Beide sind exzellente Kämpfer und gründen ihre eigene Kung-Fu-Schule in Hongkong – ein neuer Anfang. Aber am Ende wird Ip Man Großmeister und steht im Rampenlicht der Öffentlichkeit, während Razor, obwohl er auch das Zeug dazu hätte, ein Großmeister zu werden, als Barbier endet. Dennoch muss er sein Wissen weitervermitteln, er hat Schüler. Was ich in diesem Film zu sagen versuche, ist dies: Es sind nicht die persönlichen Fähigkeiten, es sind die Zeitumstände, die uns zu dem machen, was wir sind. Wer kein Glück hat, gelangt nicht ins Licht.

Interview: Ralph Umard

Foto: Wild Bunch Germany, Porträt: 2011 Block 2 Productions Ltd.

ZUR FILMKRITIK

Mehr über Cookies erfahren