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Woody Allen im Interview – Teil 2

tip: Was denken Sie denn darüber, dass Sie selbst ja eine ikonische Figur sind? Und jemand in 50 Jahren einen Film über das Fin de Siиcle des 21. Jahrhunderts drehen wird, in dem Sie dann einen Auftritt haben, so wie Hemingway in Ihrem?
Allen: Ich habe das Gefühl: In 50 Jahren bin ich tot – möglicherweise (lacht). Und wenn man einmal tot ist, macht es keinen Unterschied mehr. Egal was sie machen, ob sie einen zur Ikone machen oder zum Bösewicht, alle Filme verbrennen oder sie in Museen zeigen. Wenn man tot ist, ist man tot. Ich bin nicht eine große Gestalt, die über ihr Vermächtnis nachdenkt. Das Wort „Legacy“ wird in den USA so häufig gebraucht. All die Politiker, die sich Sorgen um ihr Vermächtnis machen. Ich denke mir: Wieso macht ihr euch Sorgen über euer Vermächtnis? Ihr solltet jetzt gute Arbeit leisten! Und wenn ihr tot seid? Die Tatsache, dass Abraham Lincoln ein großes Vermächtnis hinterlassen hat, hilft ihm überhaupt nicht. Und dass Nixons Erbe katastrophal war, stört ihn überhaupt nicht.

tip: Das ist ein ziemlich nihilistischer Zugang.
Allen: Ja, aber es ist wahr. Ich sage nichts, was Sie ernsthaft in Frage stellen könnten. (lacht)

Midnight_in_Paristip: Na, ich könnte doch etwas einwenden. Sie sprechen oft über das Verhängnis des Menschen, das existenzielle Elend seines Daseins. Sie scheinen damit auch Ihre Position als Filmemacher zu verteidigen, der mit seinen Filmen die Menschen auch von diesem Grundunglück ablenken will. So habe ich Ihre Haltung verstanden. Sie machen das aber über die Jahre schon mit einem so großen Ernst, dass dabei ein immer weiter wachsendes philosophisches Universum entstanden ist. Ihre Arbeit ist gar nicht nihilistisch, im Gegenteil feiern Sie eine Vielzahl von Dingen. Da haben wir’s: Das ist vielleicht Ihr Vermächtnis.
Allen: Na, ich bin jetzt hier, ich mache Filme, ich versuche, die Leute zu unterhalten. Ich denke zum Beispiel, dass ein Film wie ein kleiner Urlaub von der Wirklichkeit ist. Wir leiden, wir leiden, wir haben unser Leben, und alles ist so schmerzhaft und schwie­rig – nicht in jedem Augenblick, aber im Allgemeinen schon. Es ist ein tragischer Zusammenhang. Und dann gehen wir ins Kino – zwei Stunden lang sieht man, was man will: Ingmar Bergman, Fred Astaire, was immer. Man interessiert sich dafür, denkt darüber nach – oder schaut sich nur den Tanz an, und dann geht man zurück ins wirkliche Leben und hatte einen Urlaub, in dem man vergessen kann, wie schrecklich alles ist. Mehr kann man nicht machen. Mozart schreibt eine Symphonie und für eine halbe Stunde können Sie darin eintauchen. Und dann gehen Sie wieder in die wirkliche Welt zurück, die nicht schön ist. Und die kein Happy End hat.

tip: Ihr Leben sieht nicht so aus, als wäre es ein Elend gewesen. Sie sind ein anerkannter, gefeierter Künstler, haben ein erfülltes Leben, eine Begegnung mit der Welt des Skandals…
Allen: Aber das Leben ist in den Zusammenhang einer schrecklichen, tragischen Situation eingewoben. Erinnern Sie sich an meinen Film „Stardust Memories“. Zwei Züge fahren darin, im einen sitzen die Gefeierten, die Schönen, im anderen die Elenden. Aber beide Züge kommen am selben Ende an (auf einer Müllhalde; Anm. d. Red.). Ich gebe zu: In der engen, kurzen Perspektive nehmen Sie ein Leben wie meines – ich bin in einem schönen Hotel in Cannes, esse gute Dinge –, und Sie setzen jemanden dagegen, der darbt und arm ist – dann sieht es so aus, als hätte ich eine viel schönere, angenehmere Lebensspanne auf Erden, als er sie hat. Aber am Ende haben wir beide nichts. Am Ende wird er sterben. Ich werde sterben. Verschwinden. Und das war’s. Am Ende ist die Sonne ausgebrannt, und all die Werke von Shakespeare, von Mozart werden verschwinden, zusammen mit dem sich ausdehnenden Universum. Und am Ende haben Sie: nichts. Ja, ich habe ein besseres Leben als der arme Obdachlose auf der Straße, aber wenn man zurücktritt und das Ganze aus der Distanz betrachtet – dann ist man im selben Zug wie er. 

tip: Von göttlicher Perspektive aus betrachtet, vielleicht. Aber empfinden Sie nicht zu Lebzeiten Mitleid mit dem anderen?
Allen: Doch, natürlich. Die anderen, und auch man selbst hat Mitleid. Wenn man ein privilegiertes Dasein hat, ist man verpflichtet, sich um andere zu sorgen, politisch zu sein, karitativ zu sein. Und man macht das. Und manchmal hilft es – einem selbst und der anderen Person. Aber am Ende, im großen Bild: Es ist die tragische Conditio Humana, die Bedingung des Menschseins. Der eine genießt es mehr als der andere, wegen der Umstände und Glück, aber diese wunderbaren Berühmtheiten und die Leute, die etwas erreichen: Im Film habe ich das „Ozymandias Melancholie“ genannt. Eine Statue in der Wüste (die vom Halbgott bleibt, Anm. d. Red). Und nun, na ja.

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