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Woody Allen im Interview

woody_allenCannes, vier Tage nach der Weltpremiere von „Midnight in Paris“, Woody Allens jüngstem Film, der das Festival eröffnet hat. Ein Grandhotel an der Croisette, mit Protzlobby und dicken Teppichen, dessen Personal im Minutentakt an der Saftbar der Presselounge nach dem Rechten sieht. Während Allen seine Interviews gibt, bereitet seine Entourage den Tag weiter vor. Wer wann wo in der Lobby zu sein hat, wird mit militärischer Präzision und ebensolchem Sinn für Hierarchien organisiert, genauso wie der für den Nachmittag anstehende Luxus-Boutiquen-Besuch von Allens Frau Soon-Yi. Die Kunst und den Humor überlässt man dem Regisseur, der drei Räume weiter die Weltpresse mit seinen Pointen unterhält.

Zu besprechen gibt es genug: In seinem jüngsten Film feiert eine sagenhaft prominente Figurenriege Wiederauferstehung: Ernest Hemingway, Luis Buсuel, Man Ray, Salvadore Dalн, Djuna Barnes, Jean Cocteau, F. Scott und Zelda Fitzgerald, Cole Porter, Gertrude Stein, Pablo Picasso, Matisse, Monet, Degas, Toulouse-Lautrec und Paul Gauguin begleiten Allens nostalgischen Helden auf seinen Spaziergängen durch Paris.

tip: Mr. Allen, in „Midnight in Paris“ heben Sie – um eine Ihrer Figuren aus dem Film zu zitieren – Namedropping auf ein ganz neues Niveau. Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Zeitreise in Paris gekommen?
Woody Allen: (lacht) Nun, wenn ich an Paris denke, sind es die beiden Epochen: Paris in den Zwanzigerjahren – für Amerikaner eine besonders aufregende Epoche – und die Belle Йpoque. Was die Figuren betrifft: Das sind die, an die man als Amerikaner denkt. That’s who’s here! Picasso, Hemingway, Dalн, Matisse, F. Scott Fitzgerald, John Dos Passos. Mit Paris verbindet man – das heißt, ich bin sicher, dass es in Wirklichkeit so nicht war – dieses Gefühl, es wäre so kreativ und bohemehaft zugegangen. Und das waren die Leute, die zu dieser Zeit da waren.

tip: Haben Sie auch überlegt, gemeinsam mit Ihrer durch Paris streifenden Hauptfigur Owen Wilson auch Nebenwege zu gehen und Leute aus den Zwanzigerjahren auszusuchen, die nicht so bekannt wären?
Allen: Nein. Ich dachte am Anfang, es wäre interessant, ihn durch die Stadt gehen zu lassen, nachts, ein Auto kommt vorbei, und man lädt ihn ein, mitzufahren. Als ich die Szene zuerst entworfen habe, dachte ich, man würde ihn zu einer Party in der Gegenwart bringen, er würde Marion Cotillard treffen, die in Paris arbeitet, und sich für sie zu interessieren beginnen. Aber dann sagte ich mir: Was, wenn er auf einer Party aus den Zwanzigerjahren landen würde? Und von da an begann alles in Fluss zu geraten. Ich habe mir ausgemalt, wie all diese überlebensgroßen Figuren auf der Party herumstehen würden: Scott Fitzgerald. Jean Cocteau und Cole Porter. Das war Paris zu dieser Zeit. Das war die Idee, und von dort aus war es viel leichter, eine Geschichte zu entwickeln.

tip: Haben Sie selbst ein nostalgisches Verhältnis zu dieser Epoche?
Allen: Ja. Aber das nostalgische Verhältnis ist natürlich eine Falle. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel – und das gilt für jeden, der nostalgische Gefühle hat. Sie denken zurück, und es kommen nur die schönen Seiten ins Gedächtnis. Man denkt an die Belle Йpoque und denkt: Gigi, Champagner, schöne Kleider, Pferde und Kutschen. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Die Leute starben an Tuberkulose, es gab keine Heilmittel dagegen, Frauen starben im Kindbett, man konnte nicht zum Telefon greifen und den Krankenwagen rufen. Das Leben unterschied sich sehr von dem jetzt. Für uns ist so vieles selbstverständlich, aber wenn man sich in die Zwanzigerjahre oder die Belle Йpoque zurückversetzt, dann müsste man darauf verzichten. Man würde schnell sehen, wie schwierig das Leben tatsächlich war. Aber man neigt dazu, zu denken: Ah! Hemingway. Die trinken Absinth und gehen in diese wunderbaren Bars. Niemand erinnert sich mit nostalgischem Vergnügen daran, wie grauenhaft die Zeiten waren. Nostalgie ist eine riesengroße Falle.

tip: So betrachtet, müssten Sie die Zukunft vorziehen.
Allen: Na ja. Die Zukunft sieht doch ziemlich düster aus, wenn man es recht bedenkt. Wenn man sich die Welt heute ansieht, wie schnell die Bevölkerung wächst, wie der Planet vergiftet wird, das Wasser und die Luft, und jeder jeden hasst. Und diese Gruppe will jene umbringen und jene diese. Man fragt sich, ob in 100 Jahren überhaupt hier jemand sein wird. Bei der Wachstumsrate fragt man sich: Wie viele Menschen kann der Planet verkraften? Wir verdoppeln die Bevölkerung – früher oder später muss man da etwas machen. Der Planet wird sich selbst zerstören – zu viele Leute, zu wenige Ressourcen, um sich mit Energie und Nahrung zu versorgen. Und das wird das Ende sein.

tip: Aus dieser Perspektive wäre dann doch unsere Gegenwart das Goldene Zeitalter.
Allen: Sie ist nicht schlecht (lacht). Aber das Problem ist ja, dass wir wissen, dass es kein Goldenes Zeitalter gibt. Die Wirtschaftslage ist katastrophal, Terroristen wollen Leute umbringen, jeder hat Bomben, mit denen man Millionen Menschen töten kann. Die Welt ist nicht gut. Es gibt kein Goldenes Zeitalter. Jedes Zeitalter ist schrecklich. In 100 Jahren, wenn es noch Menschen gibt, werden die über unsere Gegenwart sagen: Oh, damals war es wunderbar. Die hatten Filmfestivals, sie waren so künstlerisch, Michael Jordan spielte Basketball! Aber sie werden ausblenden, dass sich Menschen Sprengstoffgürtel umbanden und Schulbusse in die Luft sprengten.

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Foto: Concorde Film Verleih

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