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Woody Allen in Spanien

tip Mr. Allen, was hat den Anstoß gegeben, dass Sie nach drei Filmen auf britischem Boden nun erstmals in Spanien gedreht haben?
Woody Allen Dazu kam es ganz einfach, weil mir eine Filmfirma aus Barcelona die Finanzierung für ein beliebiges Projekt anbot – mit der Bedingung, es auch dort anzusiedeln. Ich kannte die Stadt ganz gut, und es ist bekanntlich leicht, sich in Barcelona wohlzufühlen. Wäre die Offerte aus irgendeinem grimmigen Winkel der Welt gekommen, hätte ich es nicht verantworten können, meine Familie für drei Monate dorthin zu schleppen.

tip Sie haben die Story allein auf Basis des Drehorts geschrieben?
Allen Genau, und weil niemand nach Barcelona fährt, um in Schwer­mut zu versinken, war mir sofort klar, dass es eine romantische Geschichte sein muss. Da ich keine spanischen Dialoge schreiben kann, kamen für die Hauptfiguren nur Exil-Amerikaner oder Touristen in Frage. Daraus entwickelte sich der Plot wie von selbst.

tip Der Film hat gleich drei bemerkenswerte Rollen für junge Frauen. Wie haben Sie sich in ihre Köpfe versetzt?
Allen Ich habe die Gesellschaft junger Frauen nie gescheut. Dabei lernt man automatisch – durch Osmose –, ohne Charakteristika ernsthaft zu studieren. Bei diesem Film kam hinzu, dass ich Scarlett Johansson und Penйlope Cruz die Rollen auf den Leib schreiben konnte, da ihre Besetzung Teil des Fi­nan­zierungsdeals war. Hauptsächlich bemühe ich beim Schreiben aber meine Vorstellungskraft. Das ist weitaus weniger mühsam als Recherche (lacht).

tip Wann immer man US-Schauspieler nach Wunschregisseuren fragt, fällt mit ziemlicher Sicherheit auch Ihr Name. Nur: Wie oft sagen Ihnen eigentlich Schauspieler ab, denen Sie eine Rolle anbieten?
Allen Das kommt durchaus vor. Manchmal erzählen mir diese Leute, wie gern Sie mit mir drehen und was Sie aufopferungsvoll für mich tun wollen – doch der Eifer verfliegt, wenn ich ihnen sage, was wir bezahlen können. Dann warten sie doch lieber auf einen Part für 20 Millionen Dollar Gage. Alle paar Jahre kommt auch ein Schauspieler zu dem Schluss, dass die vorgeschlagene Rolle nicht zu ihm passe. Doch das passiert selten, weil die meisten Schauspieler glauben, dass sie einfach alles spielen können. Und ein-, zweimal bei fast 40 Filmen hat ein Schauspieler abgelehnt, weil er die betreffende Rolle für zu autobiografisch hielt und fürchtete, dass er mit mir vergli­chen würde – und dabei nur verlieren kann.

tip Publikum und Kritik suchen ja geradezu in jedem Woody-Allen-Film den Menschen Woody Allen.
Allen Sicher, ich wäre ja selbst gern ein umwerfender Künstler gewesen wie Javier Bardem in „Vicky Cristina Barcelona“, da bricht sich bestimmt persönliches Wunschdenken Bahn. Mit Vergnügen hätte ich die Rolle auch gespielt. Doch die Story diktiert die Figuren – und in meinem Alter werde ich immer unpassender für meine eigenen Filme. Die besten Parts in meinen letzten Filmen sind für junge Menschen geschrieben, und kein anderer Regisseur scheint je zu Hause zu sitzen und zu denken: Heureka, Woody wäre eine perfekte Besetzung als Psychiater oder College-Lehrer.

tip Weil vielleicht niemand weiß, dass Sie zur Verfügung stehen?
Allen Das mag sein, aber ich kann ja schlecht eine Anzeige mit der Bitte um Beschäftigung schalten, wie es Bette Davis einmal gegen Ende ihrer Karriere getan hat (lacht).

tip Jahrzehntelang hieß es, dass Sie New York nur widerwillig verlassen und jeden überstandenen Flug als gescheiterten Selbstmordversuch betrachten. Nun arbeiten Sie dauernd im Ausland. Woher kommt der Sinneswandel?
Allen Meine Frau will es so, sie liebt das Reisen (lacht). Ich bin viel älter als sie und werde sie nicht ewig begleiten können, also mache ich alles mit, was sich mit meinen In­teressen verbinden lässt. Die Tourneen als Jazzmusiker zum Beispiel sind finanziell eine Plusminusnullrechnung, aber meine Frau wollte nach Dresden oder Prag, also spiele ich mit, um sie glücklich zu machen. Auch hier in Barcelona muss ich Interviews geben, während sie mit Freunden im Restaurant den Tag genießt. Immerhin kann ich mich am Abend davonstehlen, um in einem kleinen Lokal Klarinette zu spielen.

tip Noch dazu schreiben Sie wieder Bücher oder Essays für den „New Yorker“. In Los Angeles haben Sie neulich eine Oper inszeniert. Macht eine dieser Aufgaben mehr Spaß als die anderen?
Allen Es ist alles Arbeit, aber ich kann nicht ohne. Der Spaß besteht in der Abwechslung, das hält mich lebendig.

tip Steht Ihnen nie der Sinn nach reiner Freizeit?
Allen Ich wüsste nicht, wie ich meine Zeit sinnvoller als mit Arbeit verbringen könnte. Angenommen, ich dürfte ab morgen keine Filme mehr drehen – was sollte ich nur tun? Länger als 45 Minuten kann ich morgens keinen Sport machen, sonst wird es langweilig und wahrscheinlich lebensgefährlich. Und wie oft kann man schließlich ins Museum, die Kinder von der Schule abholen oder spazieren gehen? …

Das ganze Interview von tip-Autor Roland Huschke lesen sie in der aktuellen Ausgabe 25/08.

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