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The Wrestler mit Mickey Rourke

The Wrestler mit Mickey RourkeRandy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke) war einst ein gefeierter Catcher. Davon zeugen die vielen vergilbten Fotos und Zeitungsausschnitte an der Wand seiner bescheidenen Behausung, einem heruntergekommenen Wohnwagen. Randys Ruhmeszeiten sind eindeutig vorbei, und seine Knochen knirschen. Heute schlägt sich der einsame Einzelgänger mit blutigen Billigkämpfen in stinkigen Turnhallen durch. Klar sind die Kämpfe der modernen Gladiatoren im Strampelanzug abgesprochen, aber wenn man im Ring Glasscheiben, Neonröhren und Stühle über den Scheitel gezogen bekommt, tut das dem Körper auf Dauer nicht gut.

Nach einem Herzanfall in der Umkleidekabine muss Randy umdenken und erst mal wieder laufen lernen. In seiner Hilflosigkeit sucht er den Kontakt zu der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei), der einzigen Person, die in letzter Zeit nett zu ihm gewesen ist. Zwischen den beiden Outlaws entwickelt sich beinahe so etwas wie eine kleine Romanze. Aber dann rät Cassidy dem kaputten Ringkämpfer, sich mit seiner inzwischen erwachsenen Tochter (Evan Rachel Wood) auszusöhnen, wenn er seinen Seelenfrieden finden will.

Mickey RourkeRegisseur Darren Aronofsky („Requiem for a Dream“) erhielt für „The Wrestler“ den Goldenen Löwen auf den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig. Schon das ist ein Indiz dafür, dass es sich bei dem Film nicht um ein klischeehaftes Tränendrüsendrama aus der Traumfabrik handelt. Mickey Rourkes Darstellung des alternden Wrestlers ist so glaubwürdig und ergreifend, weil sich in der Figur von „The Ram“ einige Parallelen zu Rourkes eigener krisengeschüttelter Biografie erkennen lassen. Er war zwar nie ein Catcher, aber schon als Teenager stand er als Amateurboxer erfolgreich im Ring. Nach mehreren Verletzungen rieten ihm Ärzte, mit dem Boxen aufzuhören.

In den frühen Jahren seiner Filmkarriere verzauberte er in dem erotischen Klassiker „9 1/2 Wochen“ mit seinem verschmitzten Lächeln nicht nur Kim Basinger, sondern auch weltweit die Herzen des weiblichen Publikums. Doch dann verwandelte sich der schöne Sonnyboy in „Barfly“ in einen abgewrackten Säufer und spielte nach dem Boxerdrama „Homeboy“ immer mehr Rollen als beinharter Macho. Als „menschlichen Aschenbecher“ musste er sich von seiner früheren Filmpartnerin Basinger bezeichnen lassen.

Anfang der Neunziger tauschte Rourke seine Schauspiel- gegen eine zweite Boxkarriere unter dem Kampfnamen El Marielito, viele hielten ihn deshalb für verrückt. Im Ring war er nur mittelmäßig erfolgreich, und man konnte bei einigen Kämpfen das Gefühl bekommen, Rourke machte das Ganze nur, um sich verprügeln zu lassen. Nach sieben Profikämpfen war sein Gesicht so ramponiert, dass er anschließend mehrere kosmetische Operationen über sich ergehen ließ. Eigenen Aussagen zufolge hat er danach sein ganzes Geld zu Psychotherapeuten getragen. Heute ist er mit seinem unförmig vernarbten Gesicht die Idealbesetzung für Amok laufende Bösewichte in Filmen wie „Sin City“ oder „Domino“.

Im Gegensatz zu eitlen Schauspielkollegen wie Leinwandboxer Sylvester „Rocky“ Stallone scheint Rourke jetzt eine fast masochistische Lust am Niedergang und Zerfall seines Heldenkörpers entwickelt zu haben. In „The Wrestler“ kann man ihm minutenlang beim Stöhnen zusehen, während Reißzwecken und Glassplitter aus einem schmerzenden Körper gezogen werden. Den anschließenden folgenschweren Zusammenbruch spielt er so überzeugend, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Aus Mickey Rourke ist endlich ein erwachsener Mann geworden. Aber dafür sieht er aus wie ausgekotzt.

Text: Jörg Buttgereit
zur BILDERGALERIE

(tip-Bewertung: Herausragend)

Im TIP-INTERVIEW MIT MICKEY ROURKE erzählt der Antistar über schlechtes Benehmen, falsche Scham und seinen Chihuahua Loki:

–>im tip 05/09 ab Seite 32


The Wrestler

USA 2008; Regie: Darren Aronofsky; Darsteller: Mickey Rourke (Randy „The Ram“ Robinson), Evan Rachel Wood (Stephanie), Marisa Tomei (Cassidy); Farbe, 105 Minuten;
Kinostart: 26. Februar 2009

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