Kino & Stream

Zehn Berlinale Highlights

The Future

(6) – Das pandrogynste Paar
Gemeinsam mit seiner 2007 verstorbenen Frau Lady Jaye betrieb der britische Musiker Genesis P-Orridge ein Lebens- und Kunstkonzept der besonderen Art: Durch eine Reihe von plastischen Operationen (u.a. ließ sich P-Orridge Brüste einsetzen) versuchte das Paar, sich einander immer weiter anzunähern – der Seelenzustand des Eins-mit-dem-Partner-Sein sollte sich auch in der Optik ausdrücken. Was die Pandrogynie mit der von seinen Freunden William Burroughs und Brion Gysin bekannten Cut-up-Technik zu tun hat, erzählt P-Orridge in Marie Losiers Doku „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“ (Forum). Für „Ghosts #9“ (Forum Expanded) hat P-Orridge Kurzfilme von und mit Burroughs und Gysin aus seinem Archiv neu montiert, und am 19. Februar kann man den Musiker (mit Tony Conrad und Morris Edley) im HAU 2 auch im Konzert erleben.

(7) – Der plastischste Tanz
„Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ – Wim Wenders’ Hommage an die Choreografin Pina Bausch will die elementare Sinnlichkeit und Emotionalität ihrer berühmtesten Tanztheaterstücke in die surreale Raumwirkung des 3D-Kinos übertragen. Als erster Arthouse-Regisseur wollte sich Wenders die im Action-Kino etablierte neue digitale 3D-Technik für ein lange geplantes, experimentelles Freundschaftsprojekt zunutze machen, doch Pina Bausch verstarb im Juni 2009 überraschend noch vor der Realisierung. „Pina“ ist so zum Requiem für die Choreografin geworden, „ein Film für Pina Bausch“ (Wenders). Ihr Wuppertaler Ensemble tanzt von ihr noch zu Lebzeiten ausgewählte Passagen aus „Sacre du printemps“, „Kontakthof“, „Cafй Müller“ und „Vollmond“. Jede der kantigen, jahrzehntelang mit ihr verbundenen Tänzerpersönlichkeiten skizziert pa­rallel die Bedeutung der Choreografin und ihren Verlust in einem individuellen Soloauftritt. (Wettbewerb, außer Konkurrenz)

Unter Kontrolle(8) – Das verstrahlteste Material
Selbst in der experimentierfreudigen Forum-Sektion der Berlinale ist es etwas Besonderes, wenn sich ein Filmemacher im Abspann für die Bearbeitung seines Filmmaterials mit Gamma-Strahlen bedankt. In seinem Dokumentarfilm „Unter Kontrolle“ porträtiert Volker Sattel die Atomindustrie aus extrem gelassener Perspektive. Er blickt in die Stollen des Endlagers Morsleben und in heiße Reaktorkerne, begleitet Super-GAU-Simulationen und lässt Risikoforscher über die Halbwertzeit von radioaktivem Extrem-Müll nachdenken: 15 Millionen Jahre sind für Menschen eine lange Zeit. (Forum)

(9) – Die umtriebigste Regisseurin
Für viele bildende Künstler ist ein Spielfilm das Größte. Sie wollen unbedingt inszenieren, und wenn sie es geschafft haben, wie Cindy Sherman oder Robert Longo, dann kehren sie um eine Erfahrung reicher zu ihren Leisten zurück. Bei Miranda July ist das anders. Sie ist als Künstlerin erfolgreich, 2009 waren auf der Biennale in Venedig ihre Skulpturen zu sehen. Daneben aber ist sie auch noch Schriftstellerin (ihre Storys sind unter dem deutschen Titel „Zehn Wahrheiten“ erschienen), und seit 2005 auch Filmemacherin: „Ich und du und alle, die wir kennen“ hieß ihr Debüt, dem sie nun mit „The Future“ (Foto ganz oben) einen weiteren Film folgen lässt. In „The Future“ geht es um ein Paar, das eine Katze aufnehmen will und damit sein Leben vollkommen durcheinander bringt. Hauptdarstellerin ist übrigens – die viel beschäftigte Miranda July. (Wettbewerb)

(10) – Der – vielleicht – beste Regisseur der Welt
Kino als Therapie: Mit seinen Filmen versuchte Ingmar Bergman nicht zuletzt die eigenen Dämonen auszutreiben: Paare in Krisensituationen, scheiternde Künstlerexistenzen, animalische Erotik und die protestantische Religion beschäftigten den schwedischen Regisseur ein Leben lang. Trotz „schwerer“ Themen traf Bergman dabei meist den Nerv des Publikums – dass Kino auch eine unterhaltende Erzählkunst ist, hat er nie vergessen. Die Ausstellung „Ingmar Bergman. Von Lüge und Wahrheit“ im Filmmuseum präsentiert vom 27. Januar bis 29. Mai persönliche Dokumente und Arbeitszeugnisse des „Besten Regisseurs der Welt“, als der er 1997 in Cannes ausgezeichnet wurde, und die ihm gewidmete Retrospektive der Berlinale zeigt neben seinen Kinoarbeiten auch eine Reihe von Filmen, für die er das Drehbuch schrieb. (Retrospektive)

Texte: ID, EK, Cle, LP, BR, RW

Der ganze Wettbewerb
Ab 9. Februar finden Sie hier auf unserer Website täglich aktuell Kritiken unserer Autoren zu allen Wett­bewerbsfilmen, die in Konkurrenz um den Goldenen Bären stehen. Dazu gibt es Highlights des Tages aus allen Sektionen, Blitzinterviews und News.

Berlinale-Special
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