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„Zeiten ändern Dich“ im Kino

Eines Tages wollte Anis Mohamed Youssef Ferchichi nicht mehr Anis genannt werden. Er hatte in einem Videospiel einen neuen, passenden Namen gefunden: Bushido, was übersetzt soviel bedeuten soll wie „Der Weg des Kriegers“. Schon als Kind und Jugendlicher musste sich der Berliner Aggro-Junge mit Migrationshintergrund schließlich durch das volle Programm eines toughen Brennpunktalltags kämpfen – mit Gewalt, Drogendealerei, Besserungsanstalt, Perspektivlosigkeit und einem Vater, der ihn und seine Mutter schlug und irgendwann einfach abhaute. Doch hat sich Bushido bekanntermaßen da raus- und zu einem Erfolgsrapper hochgerüpelt, der immer ein skandalsicheres Provo-Händchen dafür hatte, um mit homophoben, misogynen Sprüchen und Texten nicht nur Jugendschützer gegen sich aufzubringen. Seinen Hintergrund hat Bushido bereits in seinen Raps und in einer Biographie thematisiert. Bernd Eichinger hat die Geschichte dann scheinbar so fasziniert, dass er daraus ein Drehbuch geschrieben und wie bei „Baader-Meinhof-Komplex“ Uli Edel als Regisseur verpflichtet hat.
„Zeiten ändern Dich“ ist der Titel dieses Werks, das vor allem darum kreist, wie sehr Bushido (verkörpert monomimisch sein erwachsenes Ich) seine Mutter (oh je: Hannelore Elsner) liebt, wie er die Verachtung gegenüber seinem Vater zu überwinden versucht und sich „Respekt“ verschaffen will, um in dieser Gesellschaft nicht weiter „gefickt zu werden“. Der Film zeigt das Leben erst als Abhärtungsprozess, nur um dann letztlich doch wieder in den weichen Kern des vermeintlich harten Kerls vordringen zu wollen – und trägt damit zum neuen Soft-Image Bushidos bei.
Schwer zu sagen, was Eichinger und Edel mit diesem uninspiriert zusammengestückelten Vehikel tatsächlich vor hatten. Ein ernsthaftes Durchbeißerdrama kann es nicht gewesen sein. Nicht nur durch Bushidos teils schmerzhaft banale Off-Gedanken, die in etwa so klingen, als hätte sie ein Schülerpraktikant eingesprochen, ist „Zeiten ändern Dich“ dafür deutlich zu (unfreiwillig) komisch. Andere Peinlichkeiten: wenn Klein-Bushido etwa in der Schule Goethe rappt. Oder sich Groß-Bushido von Mutti Geld zum Drogenkauf leiht. Wenn er vor einer Richterin mit Wörtern wie Spast und Arsch ein flammendes Plädoyer für die Menschenwürde hält. Oder wenn Karel Gott erst „Biene Maja“ und dann mit Bushido ein Duett singt. All das und noch viel mehr macht diese durchweg oberflächliche Familientherapiesitzung zwar zu keinem guten Film, aber immerhin zum heißen Anwärter auf die Komödie des Jahres.

Text: Sascha Rettig

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Zeiten ändern Dich“ im Kino in Berlin 

Zeiten ändern Dich, Deutschland 2010; Regie: Uli Edel; Darsteller: Bushido (Bushido), Elyas M’Barek (Anis), Moritz Bleibtreu (Arafat); Farbe, 94 Minuten

Kinostart: 4. Februar 2010

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