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Leonardo diCaprio in „Zeiten des Aufruhrs“

Zeiten des AufruhrsDie Szene ist legendär: das altmodische Auto in den Tiefen des Ozeanriesen, das leichte, aber eindeutige Schaukeln, von innen eine schweißnasse Hand auf der beschlagenen Scheibe. Eine ebenso sinnliche wie familienkompatible Chiffre für Leidenschaft und Eks­tase. Das war in Camerons „Titanic“ (1997), das waren Jack und Rose, das waren Leonardo DiCaprio und Kate Winslet.
Regisseur Sam Mendes („American Beauty“) castet eine Dekade später dieses Traumpaar und schickt sie in die Mühen der Ebene, in die bürgerliche Ehe, in der die klimatischen Verhältnisse nicht unbedingt lebensfreundli­cher sind als in der Arktis. Zwei Weltkriege und zwei Generationen später angesiedelt, versucht „Zeiten des Aufruhrs“, seinem Pilcheresken Titel zum Trotz, einen komplementären Blick auf die Liebe. Was passiert, wenn alles glatt geht, wenn die neuen Horizonte des Anfangs sich verengen auf das Planquadrat einer spätkapitalistischen Angestelltenexistenz? Wenn die Desillusionierung aber noch nicht vollständig ist, die Träume sich nur auf die Rückseite des Alltags zurückgezogen haben und jeden Moment des Innehaltens nutzen, um das leise Gift des Zweifels zu verbreiten? Den Hochzeitsflug der Gefühle handelt der Film noch vor dem Vorspann ab: eine Stu­den­tenparty, tiefe Blicke, ein paar scherzhafte Worte – das reicht dann auch schon, um den Zuschauer an die Zukunft der beiden glauben zu lassen.
Zeiten des AufruhrsRichard Yates’ „Revolutionary Road“ von 1961 war nie ein Bestseller, gilt aber inzwischen als eines der wichtigsten amerikanischen Prosawerke des 20. Jahrhunderts, bewundert von Schriftstellern von Kurt Vonnegut bis Nick Hornby. „Das Schlimmste, das man mit seinem Leben machen kann, ist, eine Lüge zu leben“, beschrieb Yates die Moral der Geschichte von April und Frank Wheeler. Sie ist eine junge Schauspielerin, er hat einen Hochschulabschluss, war mit der Army in Europa, und sie beginnen ihre Ehe mit großen, wenn auch diffusen Plänen von Freiheit und Selbstverwirklichung. Doch dann kommen zwei Kinder, der lukrative, aber langweilige Job im Großraumbüro, das Häuschen im Grünen, die ganze Banalität des Wohlstands. April versucht eine letzte Flucht und überredet Frank zu einem Neuanfang in Paris. Doch diese Passage werden sie nie antreten.
Dem Film gelingt es, die 50er Jahre als Zeit des Aufbruchs und Stillstands zu zeigen, als Epochen­scharnier des 20. Jahrhunderts. Die Modernität der Dingwelt ändert nichts an der Konventionalität einer Gesellschaft, in der Individualismus ein Dogma ist, dessen Ausdruck sich in der Farbe der Couchgarnitur und dem Mischungsverhältnis des Martinis erschöpft. Verglichen mit Todd Haynes und David Lynch, die in Filmen wie „Dem Himmel so fern“ oder „Blue Velvet“ eine Epoche in Chrom und Technicolor beschworen, zeigt das Universum von Mendes eine resopaline Sachlichkeit. Auf dieser Bühne entfaltet sich die Mikrodynamik einer Ehe in all ihrer Komplexität, stehen Lie­be und Egoismus, Überschwang und Kleinmut gleichberechtigt nebeneinander.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Sehenswert

Zeiten des Aufruhrs (Revolutionary Road), USA 2008; Regie: Sam Mendes; Darsteller: Leonardo DiCaprio (Frank Wheeler), Kate Winslet (April Wheeler); Farbe, 119 Minuten

Kinostart: 15. Januar 2009

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