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„Zerrissene Umarmungen“ – Der neue Almodуvar im Kino

Es ist ein gestohlenes Bild, nachts und heimlich fotografiert, in grobkörnigem Schwarz-Weiß. Schemenhaft erkennt man einen Mann und eine Frau in zärtlicher Umarmung. Dieses Bild ist der Moment, auf den man bei Pedro Almodуvar stets wartet. Weil das ehebrecherische Paar und der Film hier ganz bei sich sind, weil die Liebe die Leinwand füllt und nur noch das Gefühl zählt. Und wie immer überwölbt Almodуvar auch diese zentrale Szene mit einem Überbau, der die Künstlichkeit des Kinos miterzählt.
Man muss sich „Zerrissene Umarmungen“ wie ein Spiegelkabinett vorstellen, in dem sich die Figuren entlang verzerrter und entstellter Abbilder bewegen und versuchen, sich wiederzufinden. Es ist ein verschlungener Weg durch verschiedene Zeit- und Wirk­­lichkeitsebenen, eine Suche, bei der jahrelang in einem Karton versteckte und zerrissene Fotos zu einer Erzählung zusammen­gesetzt werden, verschollen geglaubte Filmrollen wieder auftauchen, ein erblindeter Regisseur doch noch den Final Cut seines letzten Projekts verwirklichen kann und sich seine Geschichte wieder zu eigen macht. Mit den durchgedrehten Film-im-Film-Sze­­nen findet Pedro Almodуvar auch zu seinen Anfängen, die er hemmungslos feiert und zitiert, etwa wenn er eine schrille, schwatzhafte Hausfrau auf einen Koffer voller Koks treffen lässt.
Vor vielen Jahren hat Mateo Blanco (Lluнs Homar) bei einem Autounfall sein Augenlicht verloren, seitdem arbeitet der einst gefeierte Regisseur als Drehbuchautor und nennt sich Harry Caine. Er führt ein zurückgezogenes Leben zwischen den Sitzungen an der Blindenschreibmaschine und gelegentlichem Sex. Während die Trauer und Verzweiflung früherer Heldinnen und Helden meist schon in den ersten Einstellungen Gestalt annahm, geht Almodуvar in seinem neuen Film zurückhaltender vor, arbeitet mit Fährten und Irritationen. Warum hängen an den Wänden von Mateos Wohnung die gleichen knallbunten Plas­tikkreuze wie in der seiner langjährigen Agentin? Verweist das Pop-Art-Gemälde zweier Schuss­waffen in der Villa des Finanztycoons Ernesto Martell (Josй Luis Gуmez) auf ein mörderisches Ereignis? Was eigentlich soll der blinde Mateo sehen, wenn er nach dem Klingeln durch das Guckloch seiner Tür schaut? Als Zuschauer fühlt man sich ein wenig wie ein Kriminalist, wird nach und nach zum Gefühlsdetektiv, der mit Almodуvars Figuren nach verschütteten Empfindungen spürt.
Tatsächlich erinnert „Zerrissene Umarmungen“ in seiner Struktur an einen Film noir. Das Geschehen führt von der Gegenwart in die Vergangenheit: Ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen will, konfrontiert Mateo/Harry mit Videoaufnahmen von dessen großer Liebe. Es gibt eine leicht abgewandelte Variante der Femme fatale und eine Art symbolischen Off-Kommentar, ein Spiel mit Kinozitaten und -verweisen. Dabei stülpt Almodуvar das angeschlagene Seelenleben seiner Figuren mit wunderbar zärtlicher Geste und ganz vorsichtig nach außen.
So lernt man Lena (Penйlope Cruz) als eine Wiedergängerin von Catherine Deneuves „Belle de jour“ kennen. Sie führt ein Doppelleben als Sekretärin und Callgirl, um den schwer kranken Vater zu unterstützen. Ihr Chef wird auch ihr Kunde und späterer Lebensgefährte. Penйlope Cruz versteht das Rot der Femme fatale zu tragen, wird dabei zur wunderschönen Projektionsfläche ihres Regisseurs (und Film-im-Film-Regisseurs!) und gleichzeitig immer mehr zu Lena, einer jungen unglücklichen Frau, gefangen im goldenen Käfig ihres reichen Geliebten Martell.
Diese Heldin, die beschließt, Schauspielerin zu werden, lässt Pedro Almodуvar in die Fußstapfen weiterer Kinodiven treten – von der Femme fatale zur platinblonden Schönheit а la Marilyn Monroe und zur frechen Pony-Frisur der jungen Audrey Hepburn. Und er erzählt eine Geschichte, die so alt ist wie die Kunst selbst: von der Liebe eines Künstlers zu seiner Muse. Lena und Mateo beginnen eine Affäre.
Mit dem Rückgriff auf die Kino­geschichte schützt Almodуvar sei­­ne Helden und Heldinnen auch vor sich und ihren Passionen. Sie stehen plötzlich nicht mehr al­­lein da, finden in ihren filmischen Vor-, Ab- und Vexierbildern Trost und Rückhalt. In seinem Spiegelkabinett verdoppeln sich die Gefühle, werden zurückgeworfen, gebrochen oder auch reflektiert und führen letztlich alle zurück zu jenem einen schemenhaften Bild, das keine Schärfe braucht, weil es so wahrhaftig ist: zwei Liebende und ein letzter Kuss in der Nacht.

Text: Anke Leweke

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Zerrissene Umarmungen“ im Kino in Berlin

Zerrissene Umarmungen (Los abrazos rotos), Spanien 2009; Regie: Pedro Almodуvar; Darsteller: Penйlope Cruz (Lena), Lluнs Homar (Mateo Blanco/Harry Caine), Blanca Portillo (Judit Garcнa); Farbe, 129 Minuten

Kinostart: 6. August

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