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„Zettl“ von Helmut Dietl im Kino

Zettl

Helmut Dietl kann einem fast leidtun. Ein halbes Jahrzehnt lang hat er an seinem neuen Film gearbeitet, zusammen mit seinem Ko-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre hat er unzählige Drehbuchfassungen geschrieben, verworfen und neu geschrieben. Er hat ein beachtliches Allstar-Ensemble zusammengecastet und bei den Dreharbeiten ganze Straßenzüge in Mitte mit Produktionslastern vollgestellt. Schließlich hat er sich in die größte PR-Kampagne der jüngeren deutschen Filmgeschichte einspannen lassen und dabei einige überaus unterhaltsame Interviews gegeben. Doch wofür das alles? Für ein überspanntes und zusammenhangloses Gehampel vor teuren Kulissen.
Sein „Zettl“ ist als eine Art späte Fortsetzung der berühmten Fernsehserie „Kir Royal“ angelegt, in der Franz-Xaver Kroetz als Klatschreporter Baby Schimmerlos voller Melancholie und ohne jeden Skrupel durch die Schlüssellöcher der Münchner Society blickte und sich dabei im Dauerclinch mit seiner strengen Verlegerin befand. „Zettl“ setzt 25 Jahre später an, und zwar mit Babys Beerdigung auf einem Berliner Friedhof. Der Lebemann ist auf seiner Harley bei einem Zusammenstoß mit dem Brandenburger Tor tödlich verunglückt, dabei sollte er doch im Auftrag eines Schweizer Milliardärs ein Gesellschaftsmagazin an den Start bringen, an dem keiner vorbeikommt, der in Hauptstadt etwas auf sich hält.
ZettlKurzerhand befördert der Schweizer den ehrgeizigen Chauffeur Zettl zum Chefredakteur. In einer Woche soll die Online-Ausgabe stehen, und dafür müssen ganz schnell exklusive Enthüllungsgeschichten herbeigeschafft werden. Eine Ausgangssituation, die direkt ins narrative Nirvana führt.
Wenn man den Stuckrad-Barre-Ausführungen zur Entstehung des Drehbuchs glauben kann, wollten die beiden Autoren bei ihrem Berlin-Film eine stringente Handlung ebenso dringend vermeiden wie unmittelbare Bezüge zu aktuellen Ereignissen oder realen Personen. Leider ist den beiden nichts eingefallen, was ihren Film anstelle dessen hätte zusammenhalten können. Während es Helmut Dietl vor allem bei seinen Arbeiten fürs Fernsehen immer wieder gelang, die Selbstgefälligkeit der Münchner Bussi-Gesellschaft mit einem außergewöhnlichen Gespür für eigenwillige Figuren und pointierte Dialoge aufs Aussagekräftigste und Wahrhaftigste zu durchdringen, ist ihm das unübersichtliche Berlin offensichtlich fremd geblieben. Statt den Geist eines Milieus einzufangen, das so durchlässig ist, dass jeder Dorftrottel sich darin neu erfinden kann, wird Dietls neuer Film von albernen Zerrbildern des Politik- und Medienbetriebs beherrscht: Er beschwört eine durch und durch biedere Fantasiewelt herauf, in der jeder Politiker insgeheim ein geiler Bock ist und in der jeder Talkshow-Moderatorin ein heimliches Alkoholproblem hat. Da hat die Wirklichkeit zwischen Schloss Bellevue und Grill Royal längst Spannenderes zu bieten.
Dietls Starbesetzung macht das Ganze auch nicht besser. Im Gegenteil: Die Prominenz seiner Darsteller verhindert, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln. Statt eines intriganten Ministerpräsidenten aus Mecklenburg-Vorpommern sehen wir Harald Schmidt, der einen intriganten Ministerpräsidenten spielt, und statt eines neurotischen Bundeskanzlers sehen wir Götz George, der einen neurotischen Bundeskanzler spielt. Da Dietl sämtliche seiner Figuren auch noch aufgesetzte Dialekte sprechen lässt, erinnert „Zettl“ am Ende an einen überlangen TV-Sketch, der nicht zur Pointe findet – und dabei nicht einmal genug Angriffsfläche bietet, um sich ernsthaft darüber zu ärgern.

Text: Heiko Zwirner

Fotos: Jürgen Olczyk / Warner Bros.

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Zettl“ im Kino in Berlin

Zettl, Deutschland 2012; Regie: Helmut Dietl; Darsteller: Michael Bully Herbig (Max Zettl), Ulrich Tukur (Urs Doucier), Dieter Hildebrandt (Herbie Fried); 109 Minuten; FSK 0

Kinostart: 2. Februar

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