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„Zwischen uns das Paradies“ im Kino

Zwischen uns das ParadiesIn Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, erinnert nicht mehr viel an den Krieg der 90er-Jahre. Nur die Friedhöfe mit ihren weißen Grabsteinen sind ein deutliches Zeichen dafür, dass Tod und Vertreibung noch nicht lange zurückliegen. Amar und Luna, ein junges, modernes Paar, sind auch von den Leiden betroffen. Amar war an der Front, er sah seinen Bruder fallen, heute arbeitet er als Lotse am Flughafen. Luna verlor ihre Mutter und das Haus ihrer Kindheit, heute lebt sie ganz in der Gegenwart, als Flugbe­gleiterin der jungen staatlichen Airline.
Zwischen Amar und Luna sollte alles in Ordnung sein, aber Jasmila Zbanic erzählt in „Zwischen uns das Paradies“ davon, wie das Paar von den Traumatisierungen von früher eingeholt wird, und wie sich eine neue Macht in den Spalt schiebt, der zwischen den Liebenden entsteht. Denn Amar gerät in eine Krise, er trinkt zu viel, verliert den Job, und trifft dann einen ehemaligen Kriegskameraden, der zum muslimischen Glauben gefunden hat. Das Camp, das diese frommen Menschen an einem schönen See im Hinterland errichtet haben, erweckt ganz den Anschein einer Sekte. Und diesen Eindruck muss auch Luna bekommen, die sich immer mehr allein fühlt mit ihrer Zärtlichkeit, ihrem Kinderwunsch und ihrer Bereitschaft, die Geister der Vergangenheit ruhen zu lassen.
Zwischen uns das ParadiesJasmila Zbanic, die mit „Esmas Geheimnis“ schon vor vier Jahren eine eindringliche filmische Erzählung aus ihrem Heimatland vorgelegt hatte, setzt mit „Zwischen uns das Paradies“ die Beschreibung der aktuellen Veränderungen im Land fort. Es ist, als würde sie aus vielen Details eine Perspektive ablesen, die auf eine Polarisierung der Gesellschaft hinausläuft – auf der einen Seite stehen die westlich orientierten Menschen wie Luna, auf der anderen Seite stehen die Anhänger eines strengen, wahhabitischen Islams, die sich auch von den muslimischen Traditionen der eigenen Kultur weit entfernen. Dazwischen steht eine Frau wie Lunas Großmutter, die lieber das Zuckerfest feiert als das Opferfest, und die in einem Moment der Konfrontation selbstbewusst ruft: „Ich bin hier Imam“, also die geistliche Autorität, die traditionell bei den Männern liegt.
In ihrem Szenario der Entfremdung spielt Jasmila Zbanic auch mit der Angst vor Terrorismus, die dem Islam seit den Anschlägen des Jahres 2001 verstärkt entgegen gebracht wird. „Zwischen uns das Paradies“ stellt sich damit in den Schatten eines sehr großen Themas, besteht auf diesem Feld aber dadurch, dass letztendlich doch genaue Beobachtungen aus dem Alltag in ­Sarajevo im Zentrum stehen. Zbanic konterkariert damit auch ihre eigene Dramaturgie, die insgesamt ein wenig Gefahr läuft, vor allem der Illustration einer These zu dienen. Aber die Erzählung im Detail, die Schauspieler, die Fotografie gehen über die bloße Behauptung doch immer wieder deutlich hinaus.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Zwischen uns das Paradies“ im Kino in Berlin

ZWISCHEN UNS DAS PARADIES (NA PUTU), Deutschland/Österreich/Kroatien 2009; Regie: Jasmila Zbanic; Darsteller: Zrinka Cvitesic (Luna), Leon Lucev (Amar), Ermin Bravo (Bahrija); 100 Minuten

Kinostart: 2. September

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