Berlinale 2019

„Kiz Kardeşler“ (A Tale of Three Sisters) von Emin Alper (Wettbewerb 11)

Kız Kardeşler | A Tale of Three Sisters © Liman Film, Komplizen Film, Circe Films, Horsefly Productions

„Kiz Kardesler“ beginnt mit einer Fahrt auf enger Straße und in Nadelkurven durch die Berge; dann öffnet sich der Horizont und über den Paß geht die Fahrt hinunter in ein Tal, in dem einige Gehöfte liegen. Die Herbstsonne lässt die Landschaft golden erstrahlen, das Panorama, das vor einem liegt, ist von ungeheurer Schönheit, doch das Mädchen im Auto hat Tränen in den Augen. Und schon ist man mittendrin, in einer offenbar problematischen Lage, die sich nunmehr zuspitzt.

Emin Alpers nach eigenem Drehbuch inszenierter Film handelt von den drei Schwestern Reyhan, Nurhan und Havva. Der offenbar verwitwete Vater hatte sie als Hausmädchen in die Stadt geschickt, um ihre Chancen zu verbessern und damit sie zumindest Lesen und Schreiben lernen. Doch die 20-jährige Reyhan kam alsbald schwanger zurück und wurde eilig mit dem Dorfhirten Veysel verheiratet. Nun kehren, aus unterschiedlichen Gründen, auch die 16-jährige Nurhan und die 13-jährige Havva heim. Was soll nun aus den Mädchen werden? Was tun?

Im Verlaufe eines Nachmittags, der Nacht und dem Morgen des folgenden Tages ergibt sich aus einer Reihe von Gesprächen, Auseinandersetzungen, Raki-befeuerten Streitigkeiten und resultierenden tragischen Ereignissen ein vielschichtiges Bild der sozialen Strukturen in dieser abgelegenen Region in Anatolien. Nicht nur die familiären Beziehungen, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse werden aufgefächert – und bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Macht und die Schuld nicht so ebenmäßig verteilt sind, wie zunächst angenommen. Der zweite Teil des Films handelt im Winter. Das Dorf ist eingeschneit, die Wolken hängen tief – so, wie die Konturen sich in Schemen auflösen, lösen sich allmählich auch die entwickelten Konflikte auf, allerdings nicht in Wohlgefallen.

Alpers Inszenierungsweise vertraut auf die Bereitschaft des Publikums, einer offenen Struktur zu folgen; das Publikum wiederum kann sich Alper ruhig anvertrauen, denn wie dessen zwei vorangegangene Filme, „Tepenin Ardi“ (2012) und „Abluka“ (2015), belegt auch „Kiz Kardesler“ die meisterliche Fähigkeit des Regisseurs zu narrativer Verdichtung, metaphorischer Zuspitzung und kraftvoller Bildgestaltung.   ALEXANDRA SEITZ