Kommentar

„Klicken und Kauen“ von Clemens Niedenthal

Neben meiner Haustür hängt seit Jahren ein altes Einkaufsnetz. Einfach, weil es so schön aussieht in den blassbunten Farben des Wirtschaftswunders und dem dunkelroten Lederriemen als Griff

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

Manchmal nehme ich es mit in den Discounter oder auf den Markt. Lieber auf den Markt allerdings, denn jeder sieht ja, was drin ist in so einem Einkaufsnetz.
Okay, das war geschummelt. Das Netz ist nicht wirklich alt. Ich habe es vor zwei Jahren bei Manufaktum gekauft. In unmittelbarer Zukunft aber könnte es noch einmal viel viel älter aussehen. Ginge es nach Amazon, dann wäre mit Einkaufsnetz nämlich künftig der ­Lebensmittelhandel über das Internet gemeint. Gerade hat der unbestrittene Primus der Onlinehändler den amerikanischen, durchaus für seine hochwertigen Produkte und Konzepte bekannten Lebens­mitteleinzelhändler Whole Foods Market gekauft – für 13,7 Milliarden Dollar. Auch in Berlin betreibt Amazon inzwischen ein Kühlhaus – und probiert das mit dem Lieferdienstsupermarkt schon mal an seinen Prime-Kunden aus. Klicken und Kauen.
Was uns das sagt? Die Zukunft des kleinteiligen Lebensmittelhandels liegt mehr denn je im kuratierten Konsum, im Liebhabergewerbe. In Produkten und Produzenten, die man anfassen und kennenlernen kann. Original unverpackt. Diese Sehnsucht nämlich liefert Amazon quasi gratis aus. Mit jeder Drohne, die unseren Kühlschrank künftig automatisch-apathisch füllt.

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