Berlinale-Gewinner

„Körper und Seele“ im Kino

Eine eigene Welt: Bei der diesjährigen Berlinale gewann das Drama „Körper und Seele“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi den Goldenen Bären. Jetzt kommt die ungewöhnliche Liebesgeschichte ins Kino

Foto: Alamode

Mit einer Flusslandschaft im Winter beginnt der Film „Körper und Seele“. Die Stimmung ist kühl und klar, von Menschen ist weit und breit nichts zu sehen, nur zwei scheue Tiere tauchen auf: ein Hirsch und eine Hirschkuh. Sie sind allein in dieser Welt, allein mit sich und der Natur, aber sie sind nicht ganz so allein, wie es in dem berühmten Wort von dem großen Schriftsteller Joseph Conrad heißt: „We live, as we dream – alone.“ Wir leben, wie wir träumen – allein.

In „Körper und Seele“ erleben zwei einsame Menschen, dass sie ausgerechnet auf eine Weise miteinander verbunden sind, die sich doch vermeintlich am wenigsten teilen lässt: durch ihre Träume. Mária und Endre sind zwei Außenseiter in einem tierverarbeitenden Betrieb – er ist für die Finanzen zuständig, sie für die Fleischqualität. Es gibt eine Anziehungskraft zwischen dem hageren, älteren Mann mit dem verkrüppelten Arm und der abweisenden, attraktiven Kollegin, aber sie brauchen einen Umweg, um einander näher zu kommen. Dieser Umweg führt in die verschneite Flusslandschaft.

Für die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi ist „Körper und Seele“ der erste Kinofilm seit „Simon Magus“ vor fast 20 Jahren. Schon als sie bei der Berlinale in diesem Jahr den ­Goldenen Bären in Empfang nahm, konnte man sie als eine Persönlichkeit mit einer starken Ausstrahlung erleben. Und so wirkt sie nun auch, als sie wenige Monate später wieder nach Berlin gekommen ist, um Interviews zu ihrem Film zu geben. Einen Film über das Sichtbare (die Körper) und das, was dann in Entsprechung eben nicht das Unsichtbare ist, sondern ein anders Sichtbares: die Seele. Wenn man sich den Titel so zurechtlegt, liegt man bei Ildikó Eneydi genau richtig.

Denn sie verdankt, wie sie erzählt, ihre wesentliche Inspiration einem Gedicht, in dem es eben um diese Spannung zwischen einem aufgewühlten Inneren und einer verschlossenen Äußerlichkeit geht. Ágnes Nemes Nagy heißt die Dichterin, die ihr das Schreiben so erleichtert hat: „Ich habe für das Drehbuch nur wenige Wochen gebraucht, es war eine glückliche Zeit, nie zuvor habe ich so schnell und intensiv gearbeitet. Ich kannte die beiden Figuren wohl seit langer Zeit.“

Mária und Endre leben in ihrer (jeweils) eigenen Welt, aber sie sind eingebunden in eine Arbeitswelt, die Ildikó Enyedi natürlich mit Bedacht gewählt hat. Sie nennt auch sehr genau die Gründe dafür, dass „Körper und Seele“ in einem Schlachthaus spielt: „Auch hier geht es um eine Spannung. Ein ganz normaler Arbeitsplatz, in dem aber der Moment der Wahrheit jederzeit vor aller Augen da liegt. Das Schlachthaus ist ein dramatischer Ort. Die Tiere mit ihren großartig expressiven Gesichtern und Augen werden in den Tod geschickt. Dabei sind sie doch die Geschwister der Tiere im Wald.“

Und damit sind sie auch die Geschwister von Mária und Endre, und auch von den anderen Leuten im Betrieb, bei denen man manchmal den Eindruck bekommen könnte, dass Ildikó Enyedi sich mit ihnen ein wenig über den immer noch latent kommunistisch gestimmten Arbeitsalltag zwischen Schlendrian und Korruption lustig macht. Sie weist diesen Eindruck zurück: „Ich habe mich sehr um jede Figur bemüht. Natürlich muss man ein wenig in das Liebespaar verliebt sein, wenn man einen Liebesfilm macht. Aber es sollte doch deutlich werden, dass auch jeder andere Mensch in dieser Fabrik eine Geschichte wert wäre.“ Und jedes Tier auch, wie die Regisseurin an einem Detail deutlich macht, aus dem ihr ganzes Mitgefühl herauszuhören ist: „Die armen Füße auf den Metallabtritten, das haben die Menschen gemacht, das ist das Hässliche, das von uns kommt.“

Für die Schauspielerin Alexandra Borbély ist „Körper und Seele“ die erste große Kinorolle. Ilidkó Enyedi prophezeit ihr eine große Zukunft: „Von ihr kann man alles erwarten. Ich brauche normalerweise einige Zeit, um mit Schauspielerinnen ein Verhältnis aufzubauen. Mit Alexandra war das ganz anders. Wenn wir eine Szene gedreht haben, und ich danach etwas dazu sagen wollte, da wusste sie alles immer schon. Privat ist sie eine ganz und gar andere Person als Mária. Aber sie hat sich diese Figur vollständig anverwandelt.“ Zusammen mit Géza Morczányi, der im Hauptberuf Verleger und Dramaturg und vor allem ein Theaterprofi ist, lässt ­Borbély etwas wachsen zwischen Mária und Endre, was Ildikó Enyedi als eine fast schon natürliche Folge aus diesem ersten Traum beschreibt: „Die beiden erkennen, dass sie etwas teilen, und sie haben nun die Aufgabe, etwas daraus zu machen. Ich musste ihnen im Grunde nur folgen.“

Wie aus dem Nichts ist mit „Körper und Seele“ eine große europäische Filmemacherin auf den Plan getreten, von der wohl nicht allzu viele Kinogänger in Deutschland schon gehört hatten. Ihr davor bester Film „Mein 20. Jahrhundert“ kam ausgerechnet im Wendejahr 1989 heraus, fünf Jahre später drehte sie mit der englischen Schauspielerin Sadie Frost ihre Interpretation der Geschichte des „Freischütz“. Mit „Simon Magus“ ging sie schließlich nach Paris, inzwischen ist sie aber lange wieder in ihrer ungarischen Heimat tätig. Woran lag die lange Kinopause? „Ich hatte dauernd Projekte, manche waren fast schon finanziert, und dann wurde es doch wieder nichts. Ich habe aber immer gearbeitet, zuletzt für die ungarische Version der Fernsehserie In Treatment. Und ich unterrichte Film, das ist mir auch sehr wichtig.“
Bei „Körper und Seele“ hat sich die Finanzierung nicht zerschlagen, und so ist Ildikó Enyedi nun wieder da – man kann gespannt sein, wohin sie ihre Liebe zur Poesie und ihr Vertrauen auf die inneren Stimmen noch so führen werden. Wie sie sich ihren Figuren anvertraut, so erweckt sie ihrerseits den Eindruck, dass man sich ihr im Kino getrost anvertrauen kann.

Teströl és Lélekröl H 2017, 116 Min., R: Ildikó Enyedi, D: Alexandra Borbély, Géza Morcsányi, Réka Tenki, Start: 21.9.

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