Tanz

„Kolonialisierung des Bewusstseins“: Constanza Macras im Gespräch

Constanza Macras über ihre Rückkehr an die Volksbühne, Reality-TV, die Hipster-Gentrifizierung Berlins und ihr neues Tanzstück „Der Palast“ an der Volksbühne

Foto: Tom Hunter

tip Frau Macras, Sie waren vor vielen Jahren schon mal an der Volksbühne, Sie haben am Prater inszeniert und mit Bert Neumann bei der „Rollenden Road Schau“ in Neukölln zusammengearbeitet. Wie fühlt es sich an, hier jetzt Ihre neue Arbeit „Palast“ und eine ältere Inszenierung, „Megalopolis“, zu zeigen?
Constanza Macras Die Rollende Road Schau war extrem wichtig für mich. In Neukölln habe ich die Kinder und Jugendlichen kennengelernt, mit denen ich später „Scratch Neukölln“ und „Hell on Earth“ am HAU inszeniert habe, zwei meiner Lieblingsstücke. Das hat die Richtung vorgegeben, in der ich seit 18 Jahren arbeite. Es ist großartig, wieder an der Volksbühne zu sein. Die Techniker, die Leute in den Werkstätten sind fantastisch, jede Abteilung. Sie machen alles möglich. So zu arbeiten ist ein echtes Glück, viele kenne ich von früher. Aber es ist auch etwas seltsam, ohne die Künstler hier zu sein, die in den Jahren von Bert Neumann und Castorf die künstlerische Identität des Hauses geschaffen haben. Die Volksbühne war über viele Jahre mein Lieblingstheater, es war für viele Menschen sehr wichtig. Die Debatte um die Volksbühne steht auch für die Veränderung der Stadt unter dem brutalen Druck der Gentrifizierung und für den Wider­stand der Berliner dagegen. Das sind Themen meines neuen Stücks, das ist mein Beitrag zu dieser Auseinandersetzung.

tip Wie haben Sie für Ihr neues Stück „Palast“ recherchiert?
Constanza Macras Wir haben verschiedene Menschen getroffen, denen die Räumung, der Verlust ihrer Wohnung droht. Wir lesen die Bücher und Reportagen, die sich damit beschäftigen, und natürlich Richard Sennetts „Die Kultur des neuen Kapitalismus“. Es gibt auch viele Webseiten von Aktivisten, die gegen die Räumung von Mietern kämpfen. Aber zur Gentrifizierung und der Frage, wem die Stadt gehört, gehören auch die Bilder, die von der Stadt produziert werden. In neuen Berlinfilmen wie dem peinlichen und lächerlichen „Berlin, I love you“ (dt. Kinostart am 13.6., Anm. d. Red.) wird die Stadt auf Kitschbilder reduziert, sie wird inszeniert wie die Kulisse für eine Bierwerbung. Dieser Zwang zum Daueroptimismus, der mit solchen Berlinbildern propagiert wird, ist abstoßend.

tip Was haben Sie gegen Optimismus?
Constanza Macras Diese Motivationsreden und die positive Thinking-Propaganda folgen der neoliberalen Parole, nach der man alles erreichen kann, was man will. Das bedeutet, dass wir selbst schuld sind, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen – eine bezahlbare Wohnung zum Beispiel. Überall sieht man die gleichen Viertel, in Berlin, in Johannesburg, in Guangzhou, in Seoul – kleine Designerläden, Geschäfte mit schönen, kleinen Dingen, von denen man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Die Neudefinition und Umgestaltung solcher Viertel beginnt oft mit dem Slogan von einem angeblichen „Wiedererlangen der Stadt“, am Ende ist das Viertel für Menschen ohne die notwendigen wirtschaftlichen Ressourcen unbewohnbar. Erst kommen der Biomarkt und die Streetfood-Events wie in der Markthalle Neun in Kreuzberg, dann muss der Discounter verschwinden, und irgendwann gehört der Stadtteil den Touristen, den Investoren und Hipstern mit Geld. In Buenos Aires gibt es ein Viertel, das früher ziemlich rau war. Es hat sich absurd verändert, seit es als „Palermo SoHo“ vermarktet wird. Jetzt bedeutet diese Abkürzung: gentrifizierte Nachbarschaft, ein Mittelklasse-Disneyland mit der entsprechenden Mentalität. Genau das erlebt auch Berlin gerade.

tip Wie kam es bei „Palast“ zu Ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Fotografen Tom Hunter?
Constanza Macras Ich habe sein Buch „The Way Home“ im Kreuzberger Buchladen Kisch & Co. entdeckt und gekauft. Ich liebe es, wie er sich in seinen Bildern mit urbanen und sozialen Themen auseinandersetzt. Die Gentrifizierung ist sehr präsent in seiner Arbeit.

tip Guy Debord beschreibt das Leben in modernen Gesellschaften als „eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ Sind heute die permanenten Reality-Shows realer als die Wirklichkeit? Und welche Rolle spielen die RealityShows in Ihrer Inszenierung?
Constanza Macras In dieser Perspektive sehe ich globale Fernsehformate wie „Dancing with the Stars“ mit der Fiktion, dass man mit den Stars tanzt. Solche Formate und Ableger wie „Dancing for a Dream“ sind Teil eines globalen kapitalistischen Systems. Während Investorengruppen ohne jede Beziehung zum konkreten Ort halbe Städte kaufen, dominieren die globalen TV-Formate die Kulturindustrie. Die Kolonia­lisierung des Bewusstseins findet parallel zur Gentrifizierung der Städte statt. Dabei werden Menschen und ihre Interaktionen selbst in Formate verwandelt. Wenn man „The Voice“ im chinesischen Fernsehen sieht, erkennt man ohne ein Wort zu verstehen, wer in der Jury welche Rolle hat. Gleichzeitig nehmen diese Formate lokale Bezüge auf und pumpen sie durch ihr Bleichmittel, das alles kulturindustriell standardisiert. Diese Formate sind Instrumente der kulturellen Abflachung.

tip Ihr altes Stück „Megalopolis“ kommt zehn Jahre nach der Premiere an die Volksbühne. Es zeigt die Dystopien zerbrechender Gesellschaften und den Verlust aller Sicherheiten, heute wirkt das aktueller als bei der Uraufführung. Hat die Wirklichkeit Ihr Stück eingeholt?
Constanza Macras Ich denke schon. Einige Dinge, die damals modern waren und in dem Stück noch vorkommen, verschwinden bereits wie das Call Center. Ich hatte ein wenig Angst, dass die Aufführung anachronistisch wirken könnte, aber zu meiner eigenen Überraschung sind viele Elemente des Stückes sehr gegenwärtig.

tip Letzte Frage, apropos Spektakel: Sie waren für die Choreografie in dem mit dem Oscar ausgezeichneten Film „The Favourite“ verantwortlich. Haben Sie schon neue Angebote aus Hollywood?
Constanza Macras Ja ! Aber ich muss mir auf die Zunge beißen. Ich kann sagen, dass es eine Verabredung gibt, aber ich darf nicht sagen, wofür und mit wem. Bis der Film rauskommt, wird es noch einige Zeit dauern.

Termine: Der Palast an der Volksbühne
Termine: Megalopolis an der Volksbühne

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