Lieferdienst

Lieferservice Kolyma 2: „Sei faul! Sei solidarisch!“

Stefano Lombardo liefert mit dem Fahrrad Essen aus. Und hat dafür Kolyma 2 gegründet – ein Kurierkollektiv und solidarischer Lieferservice

Fahrradfahrer auf Gehweg: Das Kollektiv Kolyma 2, ein solidarischer Lieferservice
Solidarisch faul: Das Lieferkollektiv Kolyma 2 will eine solidarische Alternative zu den üblichen Lieferdiensten sein. Foto: Clemens Niedenthal.

Einmeterfünfzig. Auf einmal haben auch Autofahrer*innen die Sache mit dem Sicherheitsabstand begriffen. Nur dass sie, einmal in diesen schützenden Kokon aus Blech und Plastik eingestiegen, Radfahrer*innen auch in Corona-Zeiten noch immer genauso dicht überholen. Auch deshalb hat Stefano Lombardo den Lenker seines mattschwarzen Single-Speed-Rades auf ein Minimum gekappt. Für die schmalen Lücken zwischen den BVG-Bussen und den SUVs.

Und schon auch für das Image, mit dem der 42-Jährige Norditaliener durchaus leidenschaftlich kokettiert: Lombardo – Vollbart, Daunenjacke, Schirmmütze, Umhängetasche – ist Fahrradkurier. Und er wollte es bleiben, damals im Sommer 2019, als sich sein hauptsächlicher Auftraggeber Deliveroo binnen drei Tagen aus Berliner zurückgezogen hatte.

David gegen Goalith

Also gründete Stefano Lombardo am 15. August letzten Jahres das Fahrradkurierkollektiv Kolyma 2. Ein David im Vergleich zum nunmehrigen Bringdienst-Monopolisten Takeaway mit seiner bekanntesten Marke Lieferando.

Nach dem Ende von Deliveroo ein neuer Weg: Stefano Lombardo. Foto: Clemens Niedenthal.

Ein David ebenso im Vergleich mit all jenen, die die Waren durch die Blutbahnen dieses urbanen Organismus namens Berlin schicken. Hermes, UPS, DHL. Und doch ist etwas seit März 2020. Nicht nur, dass alle die, die jetzt zuhause bleiben müssen, vermehrt Hunger nach dorthin geliefertem Essen haben. So manche*r fängt auch an, darüber zu sinnieren, ob diese Logistik nicht auf andere, gemeinschaftlichere Füße, ähm, Räder gestellt werden könnte.

Ein neues, solidarisches Miteinander

Der kollektive Gedanke kommt wieder ins Gerede. Ein neues, solidarisches Miteinander liegt plötzlich in der Luft. Und vor einem mexikanischen Restaurant im Simon-Dach-Kiez, dem Santa Cantina, treffen sich nun jene, die für diesen Wertewandel in die Pedale treten. Leute in schwarzen Hoodies, in retrobunten Windjacken und ehrlich gebrauchten Rädern. 

Seit ein, zwei Wochen liefern sie, die sich oft noch aus der Zeit bei Deliveroo kennen, wieder vermehrt Essen aus. Seit Corona eben. Eine Art Slogan, einen wunderbar passenden zudem, haben sie sich dabei auch schon ausgedacht: „Sei faul! Sei solidarisch!“

Fahrradfahren und Freiheitsgedanken

Wer das alles verstehen will, muss die Fahrradkuriere verstehen. Jonny beispielsweise, der so viel Rad gefahren ist in seinem Leben, dass daraus zwangsläufig sein Beruf beruf geworden ist. Erst ist er so genannte „Alleycat Races“ gefahren, subversive Fahrradschnitzeljagden durch die nächtliche Stadt.

Jonny spricht von Freiheit und meint die selbstbestimmten Wege durch die Stadt. Den Atem frei, die Nase im Wetter. Was einen Fahrradkurier ausmacht? Die robuste Konstitution und ein ebensolches Gemüt, auch am zweiten Tag wieder für 80 oder hundert Kilometer im Sattel zu sitzen. Und jeden Tag danach.

Dabei lesen sich die Wachstumsraten des Kolyma 2 Lieferservice durchaus spektakulär. 30-mal so viele Aufträge wie noch vor 14 Tagen teilen sich gut ein halbes Dutzend Fahrer des Lieferservices an diesem Dienstagmittag. Nur muss man dabei wissen, dass es vor Corona noch allenfalls zwei Bestellungen waren.

Fahrradfahrer vor Ladengeschäft. Ein Kurierfahrer des Lieferservice Kolyma 2
Das Kollektiv hat jetzt 30-mal so viele Aufträge wie noch vor zwei Wochen. Foto: Clemens Niedenthal.

Kein Preiskampf mit Lieferando

Den Preiskampf mit Lieferando will man erst gar nicht aufnehmen. Auch deshalb hat man die Mindestbestellmenge gemeinsam mit den Partnerrestaurants auf 30 Euro festgelegt. „Acht Euro pro Tour müssen für uns drin sein“, sagt Stefano Lombardo. Nur, um dem nächsten Anrufer dann doch nur den einen Burger zu liefern. Lag ja sowieso (fast) auf der Strecke.

Ob sich die Kunden dafür interessieren, dass der Chicken Burger oder das Wildkräuterrisotto aus dem Café Botanico (einem unserer zwölf Lieblingsorte, die noch geöffnet sind!) von einem Kollektiv ausgeliefert wird? „Unseren Geschäftskunden im normalen Kuriergeschäft ist das eigentlich egal, da zählen Tempo und Verlässlichkeit. Jetzt bei den privaten Essensbestellungen hören wir schon öfter, dass Leute unser Philosophie reflektieren und auch gut finden.“

Interview mit Sicherheitsabstand

Und so wird, beim Gespräch mit gebührendem Sicherheitsabstand auf dem Friedrichshainer Trottoir, plötzlich Utopisches denkbar. Eine Umverteilung des Stadtraums, eine fahrrad- und damit menschengerechtere Stadt. „Ich hoffe schon, dass es eine Menge Leute geben wird, die auch nach Corona noch sagen, wir können doch nicht weitermachen wie zuvor.“

Nur die Sache mit den Radwegen ist Stefano Lombardo aber ziemlich egal. Da ist er ganz Fahrradkurier und liebt schon auch das Radeln mit den Ellenbogen.

Wer jetzt Hunger bekommen hat oder einfach Lust, ein solidarisches Geschäftsmodell zu unterstützen, bitte hier entlang. Auch allen Gastronom*innen sei hiermit eine Zusammenarbeit mit dem Lieferservice Kolyma 2 ans Herz gelegt.

https://kolyma2.coopcycle.org/de/



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