Stadtpolitik

Kommentar zur Volksbühnen-Besetzung

Gegen 15 Uhr stoppten die ersten Umzugswagen vor der Volksbühne. Aktivisten trugen Requisiten und Schlafsäcke ins Theater. Immer mehr Menschen versammelten sich am Rosa-Luxemburg-Platz, bis gegen 15.30 Uhr schließlich das Transparent an der Fassade des Gebäudes entrollt wurde: „Doch Kunst“ ist darauf zu lesen.

Foto: Jacek Slaski

Der vorläufige Höhepunkt des Streits um den neuen Volksbühnen-Indendanten Chris Dercon ist erreicht: Aktivisten des Künstlerkollektivs „Staub zu Glitzer“ haben am Freitagnachmittag die Volksbühne besetzt – und wollen sie für mindestens drei Monate übernehmen. „Mit dieser kollektiven, transmedialen Theaterinszenierung nehmen wir die Volksbühne in Besitz und erklären sie zum Eigentum aller Menschen“, sagte die Sprecherin des Kollektivs in der Pressekonferenz. Die Aktivisten verstehen sich als Gentrifizierungsgegner und Bewahrer der Tradition des Theaters: „Der Name der Volksbühne war, bleibt und ist Programm“, hieß es in der Pressekonferenz. Obgleich die Aktivisten Chris Dercon explizit zum Rücktritt auffordert, distanzieren sie sich klar von Angriffen auf seine Person, ebenso von Gewalt und Militanz. Dercon solle weiterhin das Tempelhofes Feld bespielen; in der Volksbühne hingegen wolle das Kollektiv ein „Parlament der Wohnungslosen“ errichten.
Das etwa 40 Personen umfassende Kollektiv, das die Aktion seit einem Dreivierteljahr selbstfinanziert vorbereitet habe, versteht sich als feministisch, antirassistisch und queer. Nach Angaben eines Mitglieds setze sich die Gruppe aus „Menschen der Stadt Berlin“ zusammen – „vom Kindergärtner bis zum Techniker der Volksbühne“. Eine Mitarbeiterin der Volksbühne, die bei der Pressekonferenz anwesend war, sagte Tip, sie begrüße die Besetzung: „Nicht wegen Dercon, sondern wegen der Politik in dieser Stadt.“
Für die kommenden Monate seien etwa Konzerte, Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen, Kongresse, Gastspiele und Weiteres geplant; in den kommenden 96 Stunden aber, so sagte ein Mitglied des Netzwerks „Reclam Club Culture“ auf der Pressekonferenz, wolle man die Volksbühne „in den besten Club verwandeln, den Berlin je gesehen hat“.
Interessant bleibt, wie sich der ehemalige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf, um dessen Absetzung Streit über die Berliner Theaterszene hinaus entbrannt war, und seine ehemalige Volksbühnen-Belegschaft zur Besetzung des Hauses äußern. Castorf selbst nämlich luden die Aktivisten auf der Pressekonferenz ein, an der Aktion teilzuhaben.

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