Konzerte & Party

12 Jahre Soul Explosion im Festsaal Kreuzberg

12 Jahre Soul Explosion

Der Weltenbummler wird bei der Party aus Anlass des zwölfjährigen ­Bestehens der von ihm gegründeten Reihe Soul Explosion Singles aus Ghana und Nigeria auflegen.

tip Wie bist du zum Abenteurer geworden?
Frank Gossner Nach ungefähr vier Jahren am selben Ort reizt es mich immer wieder, woanders hinzugehen, neue Menschen zu treffen und neue Musik zu entdecken. Ich bin in einem kleinen Dorf im tiefsten Schwarzwald aufgewachsen und hatte dort eine idyllische Kindheit. Natürlich war es da auch etwas beengt, vor allem als ich mit 15 Punk entdeckte und mich jeder wegen meiner lila Haare verhauen wollte. 1994 ging ich nach Berlin. Dort habe ich dann schnell angefangen, in illegalen Clubs in Mitte wie der Hohen Tatra Platten aufzulegen.

tip In Berlin hast du die Vampyros-Lesbos-Partys veranstaltet. Danach bist du nach New York und später Afrika gegangen, wo das Foto mit dir, der Atemmaske und dem Ramsch mitsamt Platten auf dem Boden entstanden ist. Beschreib mal, was da los war…
Frank Gossner Das war vor zweieinhalb Jahren in einem Lagerraum im Südosten Nigerias. Er gehörte einem reichen Hotelbesitzer, der mal eine Plattenladen-Kette besaß. Anfang der Achtziger machte er seine Läden zu und schüttete den gesamten Bestand an Schallplatten in ein leer stehendes Gebäude. Um überhaupt in den Raum eindringen zu können, mussten ich und ein Bekannter einen Tag lang Platten ins Freie räumen, damit wir drinnen Platz zum Stehen hatten.

12 Jahre Soul Explosiontip Das ist schon etwas unbequemer als Platten checken bei Hardwax…
Frank Gossner Oh ja. Wenn Schallplatten in großen Mengen und über lange Zeit in einer tropischen Gegend und in einem Haus mit teilweise offenen oder zerschlagenen Fensterscheiben gelagert werden, nisten sich Unmengen Insekten ein, die in den schmalen Spalten zwischen den Platten Eier ablegen. Außerdem fängt durch die hohe Luftfeuchtigkeit während der Regenzeit und begünstigt durch undichte Decken der Schimmel an zu wuchern. Im Laufe der Jahre entsteht ein Mikrokosmos an Fauna und Flora, der für Menschen eine Gesundheitsgefährdung darstellt. Ich habe eine sehr robuste Gesundheit und ekele mich nicht schnell. Ohne Atemmaske mit Mikrofiltern gehe ich in Afrika aber eigentlich nie nach Platten suchen.

tip Du warst an DJ-Partys in Guinea beteiligt. Wie kann man sich das vorstellen?
Frank Gossner In Conakry funktionierte die lokale Stromversorgung nur alle zwei Nächte, wenn überhaupt. Da die Dieselgeneratoren der Stadtwerke zu alt und zu schwach waren, um das gesamte Stadtgebiet zu versorgen, wurde der Strom abwechselnd nur in bestimmte Viertel geliefert. Ich musste also nicht nur meine Plattenspieler, den Mixer und eine PA in den Club karren, der eigentlich eine Wellblechhütte war. Ich musste auch noch einen Dieselgenerator und genügend Treibstoff mitbringen. Wenn der Strom ausging, rannte mein Kumpel nach draußen, schmiss den Generator an und steckte die Kabel um. Ich musste auch einen Wächter bezahlen, der darauf achtete, dass niemand den Generator klaut.

tip Welchen Einfluss haben deine Reisen und Ausgrabungen auf den DJ-Auftritt bei der Soul Explosion, die du hier im Jahr 2000 nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr aus New York aus der Taufe gehoben hast?
Frank Gossner Ich werde ausschließlich Funk-Singles aus Ghana und Nigeria auflegen. Diese Platten sind Artefakte aus einer lange vergangenen Epoche in einem fernen Land. Der Sound und das Gefühl, das so ein altes Stück Plastik bei Menschen auslösen kann, sind für mich pure Magie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir davon jemals langweilig wird.

tip Zwölf Jahre sind eine stolze Zahl. Worauf gründet sich der Erfolg der Soul Explosion?
Frank Gossner Mark (Hentschel alias DJ King Dynamite, Veranstalter der Soul Explosion hier vor Ort, d. Verf.) scheint seinen Job sehr gut zu machen. Mittlerweile schmeißt er den Laden schon zwei Jahre länger, als ich selbst dabei war. Ich bin natürlich sehr froh, dass die Partys noch richtig brummen. Einige Leute sagen, es wäre die massive Werbung mit Flyern und Plakaten, und sicher liegt darin ein Teil des Erfolgs. Aber die Musik ist immer noch auf genauso hohem Standard wie vor zwölf Jahren. Über so eine lange Zeit kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Stammgäste kommen. Man muss auch dem jungen Publikum und Leuten, die noch nie da waren, den richtigen Weg weisen.

12 Jahre Soul Explosiontip Es gibt seit einigen Jahren ein Soul-Revival in der Popmusik, Stichwort Amy Winehouse. Wie bewertest du das?
Frank Gossner Ich bin seit 1997 mit Neal Sugarman und Gabe Roth befreundet. Deren Band The Dap-Kings lieferte ja quasi das Backing auf der Amy-Winehouse-Platte „Back To Black“. Mit ihren anderen Bands Sugarman 3 und den Soul Providers mit Sharon Jones habe ich schon 1998 im längst geschlossenen New Yorker Brownies ein Konzert veranstaltet. Ich finde es toll, dass die Jungs endlich ihren verdienten Erfolg haben.

tip Wohin zieht es dich eigentlich, wenn deine Party im Festsaal Kreuzberg beendet ist?
Frank Gossner Als ich das letzte Mal in Berlin aufgelegt habe, bin ich anderthalb Tage später auf dem Zahnfleisch aus dem Berghain herausgekrochen (lacht). Keine Ahnung, was mir dieses Mal blüht. Aber bei meinem verrufenen Bekanntenkreis mache ich mich schon mal auf das Schlimmste gefasst.

tip Und geographisch gesehen?
Frank Gossner Ich hatte erst mit dem Gedanken gespielt, im Iran nach persischen Platten zu suchen. Dann habe ich mich aber doch für das Surfen und die Strände Costa Ricas entschieden. Vielleicht ist mir mit dem Alter ein bisschen der Schneid abhandengekommen… (lacht)

Interview: Thomas Weiland

12 Jahre Soul Explosion mit Frank Gossner und DJ King Dynamite, Festsaal Kreuzberg, Sa 27.?10., 23 Uhr, AK: 8 Euro

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