Konzerte & Party

2 Teil: Musikförderung in Berlin

Steve_morellMorell:?Ganz ehrlich, ja. Ich sehe mich ja selber als einer, der gerne sein eigenes Ding macht. Und ich habe mich immer von diesem Kommerzialitätsfaktor abschrecken lassen.

tip: Und dann gibt es ja auch noch die Vorstellung, dass sich in der Berliner Szene nur Hedonisten in einem wunderbar anarchischen Umfeld bewegen.

Hofmann:?Ich finde solche Mythen total doof. Unterhaltung ist doch einer der größten Wirtschaftzweige, die wir haben.

tip: Ergibt sich in Berlin eine starke Konkurrenz zur Hochkultur, in Ihrem Kampagnenpapier ist ja auch die Gleichung „Populäre Musik = Kunst = Kunstförderung“ zu lesen …

Sören Birke (Geschäftsführer der Kulturbrauerei und Aufsichtsrat der Berlin Music Commision):?Ich habe mich lange schon mit den Fragen beschäftigt: Was ist eigentlich Pop, was gehört dazu? Und wenn man dann bedenkt, in was für einer historischen Situation wir uns derzeit befinden, und wenn man diese mit anderen historischen Situationen von Kunst, Kultur und Stadtentwicklung gerade hier in Deutschland und Berlin vergleicht, dann kommt man auf interessante Parallelen. Vor 130 und mehr Jahren war die jetzige Hochkultur in einer ähnlichen Situation. Da hatten die Künstler überhaupt keine Arbeitsrahmenbedingungen, die sie schützten, es gab keine Sozialversicherung, sie sind früh gestorben, weil sie mit ihren Knochen fertig waren, und Menschen wie Wagner und Strauß haben sich eben dafür eingesetzt, dass sozusagen um die Kunst herum institutionelle Infrastruktur entsteht. Übersetzt man das auf den Popkulturbereich, dann ist die eben nicht so alt wie die Hochkultur und hat nun vieles nachzuholen.

tip: Andere Klänge, gleiche Interessen also …

Birke:?Sicher. Dabei war man gerade in den Enklaven West-Berlin und DDR schon einmal viel weiter. Alles, was wir mit unseren Netzwerken in den letzten 15 Jahren gemacht haben, war ja, an ein öffentliches Engagement und Strukturen anzuknüpfen, die vor dem Mauerfall bereits existiert haben. Sei es durch die Subventionskultur West-Berlins oder auch die Kulturbürokratie der DDR. Das musste dann enden, weil die Politik nach dem Mauerfall wichtigere Baustellen hatte.     

tip: Bemüht sich Berlin nicht gerade mit der BMW um eine Wiederbelebung?  

Gemse:?Sie bemühen sich.   

tip: Also ein Schritt in die richtige Richtung?

Gemse:?Klar.

tip: Simone Hofmann, Frankreich hat Sie zur Ritterin für Ihr 17-jähriges Engagement im Dienste der Fкte de la Musique geschlagen. Gratuliere. Die künftige Finanzierung dieser Veranstaltung, die den Franzosen einen Orden wert ist, wurde vom Berliner Senat jedoch immer noch nicht gesichert. Hängt die Fкte in der Luft, weil nächsten Monat gewählt wird und niemand mehr etwas entscheiden will?   

Hofmann:?Das vermag ich nicht zu beurteilen. Tatsache ist aber, dass meine seit Monaten geäußerte dringende Bitte, mir Planungssicherheit zu geben, nicht erhört wurde und wir nun auch noch auf einen Termin nach der Berliner Wahl warten müssen.  

tip: Und warum fehlt Ihnen da die Geduld?   

Hofmann:?Große Festivals fallen nicht vom Himmel. Man hat eine lange Vorlaufphase, und ich bin längst schon in den Gesprächen für den nächsten Sommer. Die Förder­instrumente sind ja da, aber es muss auch jemand bereit sein, diese einzusetzen.

tip: Wer fördert denn da wie?  

Hofmann:?Die Fкte wir aus zwei Töpfen gespeist. Einmal aus dem Berliner Haushalt  mit einem Landeshaushaltstitel – Gott sei Dank, das kommt sehr selten vor. Da kann es aber sein, dass die Wahl dann so ausgeht, dass die Gewinner sagen, das gefällt uns nicht, das lassen wir. Und der andere Teil kommt aus einer Stiftung, der Stiftung Klassenlotterie, und da kann es sein, dass der Stiftungsrat sagt, nee, können wir diesmal nicht fördern, wir haben genug andere Anträge, nicht nur aus der Kultur.

tip: Schlägt sich das auf die Arbeit nieder?   

Hofmann:?An uns wenden sich bereits Bezirke, Quartiersmanagements, auch Interessenten aus dem Ausland, und dann sagt man in den Gesprächen: „… wenn es die Fкte dann überhaupt gibt.“ Diese Arbeitsweise ist total belastend. Hinzu kommt die Skepsis, ob der Förderantrag denn überhaupt durchkommt. Es ist supernervig.

tip: Erstaunlich eigentlich, dass Ihnen noch nicht der Geduldsfaden gerissen ist.

Hofmann:?Ich mache definitiv nicht weiter unter solchen Bedingungen. Das habe ich an den Senat geschrieben, auch an den Kuldturausschuss des Abgeordnetenhauses. Wenn dieser Etat nicht zusammenkommt, dann geht es auf keinen Fall. Ich bringe nicht auch noch Geld mit, um eine Veranstaltung für Berlin zu machen. Das ist ja eine landeseigene Veranstaltung, und der Senat hat mich vor 17 Jahren beauftragt, mich darum zu kümmern.

tip: Kann es nicht auch sein, dass der wirtschaftliche Erfolg der Musikindustrie, der  Glamour, den es ja mal gegeben hat, gelegentlich solche Förderung behindert?

Soeren_BirkeBirke:?Das habe ich oft aus der Kulturpolitik gehört: „Wir dachten, ihr seid von selbst stark genug.“
Gemse:?Deswegen sprechen wir aber auch von einem Investment und nicht von Subvention, wenn wir den Senat um Unterstützung bitten. Die Branche generiert derzeit eine Milliarde Umsatz jährlich in Berlin, davon gehen 100 Millionen an Steuergeldern in die Landeskasse, und wir glauben, dass man mit zehn Prozent davon als Reinvestition diese Milliarde stabilisiert.

tip: Das ist eine Sprache, die die Wirtschaft versteht, aber sicher kein Kulturamtsleiter.

Hofmann:?Eine Förderung der Klassik oder Schulmusik und ein Reinvestment bei kommerzieller Popularmusik schließen sich doch auch überhaupt nicht aus.
Gemse:?Eben, da müssen wir einfach mal den Mythos Mythos sein lassen. Es hört sich ja gut an, wenn man alle Dinge auf eine äußerst relaxte Art und Weise angehen will: Ja, ja, klappt schon irgendwie. Das hat in den 90ern vielleicht auch funktioniert, jetzt aber nicht mehr. Wir als Kulturmacher und Netzwerker sind dabei, uns selber zu professionalisieren, und wir möchten, dass der Senat diesen Schritt mitmacht. Der Künstler kann dann ja gerne schlafen bis nachmittags, aber das Management und die anderen Akteure, also wir, die müssen früh anfangen.

Gesprächsleitung: Hagen Liebing

Foto: Oliver Wolff

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