Konzerte & Party

200.000 Ben Beckers

Hagen Liebing

Der erste Eindruck war erschreckend: Ben Becker auf YouTube, wie er als Konzert-Anheizer der Böhsen Onkelz deren Liedtexte mit aufbrausendem Pathos und in einer Anwandlung des Sich-wie-Kinski-Fühlens ins Publikum spuckt. Becker hat seither viel Spott geerntet („Da wächst zusammen …“), sein Auftritt in Hockenheim wurde am Ende sogar mehr diskutiert als der Umstand, dass die einstigen Rechtsrocker ihre Wiederauferstehung vor 200?000 Menschen feierten. Aber das macht Sinn.
Denn das Rezept der Böhsen Onkelz ist ja längst bekannt: Sie münzen ihre abgelegte Hooligan-Vergangenheit heute in Streetcredibility um und sind deshalb auch peinlich darum bemüht, keine öffentliche Reue zu zeigen, damit der Eindruck der Verfolgten, aber Unbeugsamen gewahrt bleibt. Spannender ist, dass sich nun einer wie Becker als Fan outet, was ein Licht auf jene wirft, die wir sonst nur als anonyme Masse wahrnehmen. Und der Schauspieler bringt anscheinend auch wirklich all das mit, was man Onkelz-Hörern gemeinhin unterstellt: Becker ist einer, der eskaliert, der sich allzeit falsch verstanden sieht – und schlimmer noch: der sich von den Schlauen und Geschmackvollen ausgegrenzt und verspottet wähnt und deshalb den doppelten Stinkefinger rausholt: „Danke für nichts!“ Kein Grund, über diesen Mann zu lachen. Haben Sie Mitleid. Oder haben Sie Angst. Denn an diesem Wochenende trafen sich am Hockenheimring 200?000 Ben Beckers.

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