Konzerte & Party

2Raumwohnung im Interview zur neuen Platte

2Raumwohnung

tip Vier Jahre hat es vom Vorgänger „Lasso“ bis zu eurem neuen Album gedauert. Ich dachte, das Popgeschäft wäre eine schnelllebige Sache. Wo nehmt ihr diese Gelassenheit her?
Inga Humpe Von den vier Jahren haben wir ja zwei noch live gespielt, waren dann in Frankfurt mit einem Orchester, ich hatte eine Geschichte mit Udo (Lindenberg, d. Verf.) gemacht, und am Ende dampfen sich diese vier dann auf zwei Jahre wirkliche Arbeit zusammen.
Tommi Eckart Das Musikmachen besteht ja nicht nur aus CDs aufnehmen. Aber der Eindruck trügt nicht, denn zum ersten Mal haben wir uns keine Deadline gesetzt. Sonst haben wir eigentlich immer schon beim ersten Ton gerufen: Das ist es, in neun Monaten sind wir fertig. Aber dann tickt eben die Uhr. Bei jeder Idee musst du abwägen: Ist sie gut und wie steht sie im Verhältnis zum Zeitrahmen, den man zur Verfügung hat. Das wollten wir diesmal nicht.

tip 30 Leute waren involviert, ihr habt in Berlin, Los Angeles und San Francisco gearbeitet, das unterscheidet sich schon sehr von euren anfänglichen Wohnzimmeraufnahmen aus dem Jahr 2000 („Wir trafen uns in einem Garten“). Und es wirkt auch sehr zeitaufwändig …
Inga Humpe Stimmt. Wir wollten einfach ein bisschen raus aus Berlin, und dann hatten wir überlegt, wir gehen auf ’ne Insel; ein bisschen Ruhe. Aber das war es nicht. Dann kam die Idee mit Kalifornien. Und es waren sofort viele Leute dabei. Viele Mitautoren, ein Produzent, Dan The Automator, das hat sich von selber so entwickelt.

tip Das klingt ja schon fast nach Arbeit …
Inga Humpe In L.A. gibt es eigentlich nur ein Thema, die Leute arbeiten und arbeiten und arbeiten. Das ist der große Spaß. Und für uns war es irgendwann auch so.

tip Da muss man seine Berlin-Mentalität ein wenig umkrempeln, oder?
Tommi Eckart Sicher. Unterhaltung, zusammen essen … alles passiert nur in diesem Umfeld von Arbeit.
Inga Humpe Die Leute haben drei bis vier Sessions am Tag. Die treffen sich morgens zur Writing Session, Mittags gehen sie mit irgendeinem Management essen und nachmittags wird dann mit uns ein bisschen rumgespielt. Arbeit ist halt alles. Und das war für uns auch irgendwie klasse, denn wir waren ja da, um eine Platte zu machen.

Achtung fertigtip Da frage ich mich doch, Inga, bei all den amerikanischen Produzenten und Musikern, ist denn da niemand auf deine Stimme aufmerksam geworden? Die ist doch unverwechselbar!
Inga Humpe Nein, das ist eigentlich ’ne Frecheit, stimmt. Aber das kommt ja vielleicht noch. Aber Dan hat etwas sehr Interessantes zur Stimme gesagt: Die braucht Platz. Alles was in den oberen Bereichen liegt, Hi-Hats, Gitarren-Sounds, das muss weg, da muss die Stimme alleine bleiben. Super simpel eigentlich.

tip Dem läuft hier in Deutschland aber vielleicht zuwider, dass nach vorne gemischter Gesang auch schnell an Schlager erinnert …
Inga Humpe Ja, wenn man das macht, dann muss man in den unteren Bereichen viel Bass geben oder auch Störgeräusche einbauen, damit eine Sweetness in der Stimme nicht missverstanden wird.
Tommi Eckart Dass die Stimme allgemein lauter gemacht wird, das gibt es hier im Rock aber genauso. Wenn sich Amerikaner eine deutsche Platte anhören, sagen sie eigentlich fast immer: Ja, alles schön, nur die Stimme ist zu laut.

tip Warum mögen wir Deutschen das so?
Inge Humpe Du hast ja im Radio nicht so viel deutschsprachige Musik. Wenn dann mal ein Lied kommt und du das nicht richtig verstehst, dann ist es störend. Wenn du hingegen Englisch nicht richtig verstehst, geht das, Hauptsache man bekommt „love“ und „letter“ mit.

tip Wie sehr achtet ihr selbst denn auf Verständlichkeit?
Inga Humpe Wir nehmen Sachen sehr oft immer wieder neu, neu, neu auf. Da gibt es dann so einen Punkt, wo man alles sehr perfekt singt. Dann betonst du jedes „T“, jedes „M“. Das hat mich dann gestört und ich habe alles noch mal neu gesungen und alles neu genuschelt, damit es ein bisschen lockerer ist.

tip Ihr seid ja nicht nur musikalisch ein Paar – wie steht es eigentlich mit gegenseitiger Kritik?
Inga Humpe Wenn die Basis nicht da wäre, dass man über alles reden kann, dann ginge das gar nicht. Und wenn der Tommi mir sagt, ich finde die Zeile nicht gut, und ich sage, leck mich am Arsch, dann weiß ich, dass ich eine Pause machen muss.

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