Konzerte & Party

30 Jahre Einstürzende Neubauten

Einstürzende Neubauten

Der Auftritt im Londoner ICA ist schon nach 21 Minuten zu Ende. Die Veranstalter brechen das zerstörerische Treiben entsetzt ab und entreißen FM Einheit seinen Presslufthammer – sonst würde er womöglich das gesamte Gebäude demolieren. Schließlich haben die Einstürzenden Neubauten für diesen Abend geplant, sich durch den Bühnenboden zu graben, am besten so tief, dass sie das Gebäude bequem wieder durch den Untergrund verlassen können. Bassist Alexander Hacke beschreibt dem britischen „Guardian“ das Bühnengeschehen später als Mischung aus Baustelle und Kriegsschauplatz. Ein Szenario, das 1984 fast schon zum Alltag dieser Band gehört, der der Ruf vorauseilt, dass sie weder auf die eigene Gesundheit noch auf das Wohlergehen ihrer Zuschauer Rücksicht nimmt: In Chicago und Los Angeles setzten sie die Bühne in Brand, in der Frankfurter Batschkapp fliegt ein Molotow-Cocktail ins Publikum. Diese Orgien der Gewalt und des Krachs begründeten den Weltruhm der vielleicht einflussreichsten Band aus Berlin.
Vier Jahre zuvor ist an internationale Auftritte noch nicht zu denken. Im Frühjahr 1980 liegen ein aufgebrochener Zigarettenautomat, ein Brecheisen und Teile von Schaufensterpuppen im Schaufenster des „Eisengrau“ in der Schöneberger Goltzstraße. Seit einiger Zeit bewohnt Blixa Bargeld den Laden, ein ausgemergelter, hochgradig nervöser junger Mann mit zerzaustem Haar und schlechten Zähnen, der viel und gern mit synthetischen Drogen experimentiert und der sich für jedwede Form von Grenzüberschreitung interessiert. Auch N.U. Unruh, Blixas alter Schulfreund, vertreibt sich die Zeit im Eisengrau, das eigentlich eine Modeboutique ist. Gudrun Gut und Bettina Köster verkaufen dort ihre in grau und schwarz gehaltenen Strickpullover, T-Shirts, Sonnenbrillen und selbst bespielte Kassetten. Der jugendliche Alex Hacke, damals besser bekannt als Alexander von Borsig, schaut regelmäßig nach der Schule vorbei. Der Plattenhändler Zensor, die Musikerin Beate Bartel, Ben Becker oder auch Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris gehören ebenfalls zu den Stammgästen.
Viele haben neue, selbst erdachte Namen. Blixa Bargeld, der eigentlich Christian Emmerich heißt, borgte sich seinen neuen Vornamen bei einer Filzstiftmarke, der Nachname ist Referenz an den Dadaisten Johannes Theodor Baargeld: „Es war, als ob ich mich mit einer Schere von meiner alten Existenz abgeschnitten hätte.“
Einige Stammgäste des Eisengrau werden als Geniale Dilletanten [sic!] in die Geschichte der Alternativkultur eingehen, als Protagonisten einer kurzlebigen West-Berliner Szene, in der sich Maler, Musiker und Filmemacher an einer aggressiven, unvorhersehbaren und nicht-akademischen Kunst ausprobieren. Auch der bildende Künstler Martin Kippenberger, der spätere Techno-Pionier Dr. Motte und der Komponist und Performancekünstler Frieder Butzmann gehören dazu. Am radikalsten verkörpern jedoch die Einstürzenden Neubauten das Konzept der Genialen Dilletanten: „Unsre Musik sind keine Töne mehr“, schreibt Blixa Bargeld in der Einleitung zum gleichnamigen Sammelband. „Es ist auch nicht wichtig, was für Klänge es sind, es ist nur wichtig, was es ist.“

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Text: Jacek Slaski und Hagen Liebing

Foto: Andy Rumball

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 22/10 auf den Seiten 32-34.

Einstürzende Neubauten, C-Halle, Sa 23.10., 20 Uhr, VVK: 36,50 Euro

Filme, Installationen und Solo-Performances der Neubauten-Mitglieder, C-Club, So 24.10., 18 Uhr, ausverkauft

F.M. Einheit + Christy & Emily, Festsaal Kreuzberg, Mo 18.10., 21 Uhr

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