Konzerte & Party

40 Jahre Hafenbar in Mitte

Die Hafenbar in Berlin-MitteFreitagabende sind gute Abende in der Hafenbar. Schon vor Mitternacht ist die Tanzfläche gerappelt voll. „Du, entschuldige, i kenn di“, sülzt Peter Cornelius aus den Boxen. Die Leute tanzen und singen mit, man liegt sich in den Armen, knutscht oder sucht im Rausch der „Kleinen Kobold“-Schnäpse auf dem Fußboden nach verloren gegangenen Ohrclips. Auch spontane Polonaiseschlangen kommen vor oder Solotänzer, die an Dieter-Thomas Heck auf Ecstasy erinnern. Kurz: Es herrscht eine Atmosphäre, wie sie Nachtlebenreportern Angst und Respekt gleichermaßen einjagt, denn im kollektiven Ausnahmezustand wird die Berichterstattung leicht zur Über­lebenssaufgabe.
„Du gehörst doch zum Junggesellinnen-Abschied?“, nuschelt fragend eine junge Frau mit Plüschhasenohren auf dem Kopf, ihr Arm ruht schwer auf meinen Schultern. Ich entschlüpfe so höflich, wie es eben geht. „Das läuft hier jeden Freitag so“, berichtet ein Türsteher beim Kontrollgang mit leicht gestresster Mine. Seit nunmehr 14 Jahren  kehren zu „Stimmen in Aspik – die ganze Welt des Deutschen Schlagers“ die  Leute in Scharen ein, dabei könnte das Publikum gemischter kaum sein: von der 19-jährigen Azubine bis zum graumelierten Partylurch um die 60 treibt sich im maritim-plüschigem Ambiente alles rum, was gerne baggert. Ohne Frage ist die Hafenbar ein Balzlokal der alten Schule: suchende Blicke am Tanzflächenrand, ein Zupros­ten vom Tresen gegenüber, das je nach Alkoholpegel variierende Die Hafenbar in Berlin-Mittevorsichtige bis offensive Antanzen – so funktioniert hier zwi­schengeschlechtliche Kontaktaufnahme seit 1967. Offenbar spielt die Schlagermusik eine entscheidende Rolle, denn bisher haben die „Stimmen in Aspik“ am Freitag den samstagabendlichen „Ahoi Sause“- Partys mit  Popmusik-DJs noch jede Show gestohlen. Mithilfe von Karaokemann Joe Hatchiban soll sich dies nun ändern. Hatchiban, eigentlich Fahrradkurier, hat mit seiner mobilen Karaokeanlage im letzten Sommer bis zu 1000 Leute im Mauerpark unterhalten, der gebürtige Ire war über den Erfolg selbst überrascht, hatte bei seinen Open-Air-Partys auch nie Eintritt verlangt. Nun wird er in der Hafenbar Winterquartier beziehen. Beim Gemeinschaftsprojekt mit Käpten Fäb, dem hauseigenen Veranstalter Fabian Böckhoff, will man dem Publikum bieten, was ihm des Samstags vermutlich lange Zeit abging, die Gelegenheit zum lautstarken Singen und Mitsingen. Zudem hat man sich fürs „Kaptains Karaoke“ einen Internetanbieter ins Boot geholt, der die Beiträge – sofern Gast Bereitschaft signalisiert – im Netz veröffentlichen wird.
Spannend wird es zu beo­b­achten sein, wie Hatchibans überwiegend alternatives Publikum in der Hafenbar zurechtkommt. Im Haus selbst kann man den Dingen mit Gelassenheit entgegensehen. Laut Annalen hat man in den letzten 40 Jahren einiges er- und überlebt, darunter Striptease-Showprogramme, Johnny Hill und Rex Gildo live – ja selbst die Stasi war zu Gast. Zu DDR-Zeiten fand man sich einst im Staatsprogramm als offizieller Bestandteil der Protokollstrecke des Minis­terrats wieder. Als sich der bulgarische Staatspräsident Todor Schivkov ankündigte, verdoppelte sich überraschend das Personal.  Ein anderes Mal wurde wegen Anwesenheit eines Ministers – zum großen Unmut des Publikums – die ganze Nacht tschechische Volksmusik gespielt – doch selbst danach kamen die Gäste wieder.

Text: Jackie Asadolahzadeh

Hafenbar, Chausseestraße 20, Mitte, www.hafenbar-berlin.de

Jeden Freitag 21 Uhr „Stimmen in Aspik – die ganze Welt des Deutschen Schlagers“, Eintritt 8 Euro

Ab 6.3. samstags, 21 Uhr „Kaptains Karaoke“ mit Joe Hatchiban und Käpten Fäb, Eintritt 5 Euro, ab 24 Uhr 7 Euro

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