Konzerte & Party

750 Meter, 7 Clubs

schlesische_strasseIm Sekundentakt halten Taxis vorm Watergate und Magnet in der Falckensteinstraße, Leute steigen aus, reihen sich in die Schlange der Wartenden vor den beiden Clubnachbarn ein. Etwa 500 Meter weiter, links die Schlesische Straße runter Richtung Treptow, vorm Lido, ein ähnliches Bild. Nochmal 500 Meter weiter wieder Leute, die anstehen. Sie wollen in den Club der Visionäre. Auch vor dem Arena Club, gleich um die Ecke, hat sich bereits eine Menschentraube gebildet. Eine ganz normale Samstagnacht gegen halb zwei im Kreuzberger Wrangelkiez. Es könnte aber auch Freitag sein oder Donnerstag. An den übrigen Wochentagen bilden sich zwar keine Schlangen vor den Clubs, aber die Bars und Restaurants sind bis auf den letzten Platz besetzt.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Schlesische Straße, der nur 750 Meter lange Abschnitt von der U-Bahnstation Schlesisches Tor bis zum Arena Club an der Grenze zu Treptow, als Ausgehmeile etabliert. Und als Touristenattraktion. Das Hostel X-Berger an der Ecke Taborstraße ist immer ausgebucht, eine Übernachtung gibt’s dort schon ab acht Euro. „Es ist der Wahnsinn, was hier vor allem im Sommer los ist“, sagt Nicolai Wydra, der seit vier Jahren an der Rezeption arbeitet. Dass die Entwicklung der Schlesischen Straße hin zu einem beliebten Party-Ort noch längst nicht abgeschlossen ist, haben gerade die Geschehnisse der letzten Zeit gezeigt.

Seit Mitte Juli hat das Arena-Gelände wieder einen neuen Betreiber, und zwar nicht irgendeinen, sondern jemanden, der sich bereits als Konzertveranstalter einen Namen gemacht hat: Axel Schulz. Der Manager der Band „Die Ärzte“ ist seit 1987 als Veranstalter tätig. Er ist Chef der Konzertagentur Loft Concerts, er betreibt die Columbiahalle und ist Teilhaber am Postbahnhof. Da das Übernahmeverfahren allerdings noch nicht endgültig abgeschlossen ist, möchte Axel Schulz sich im Moment nicht äußern.

Unabhängig vom Betreiberwechsel wird die Arena und die Gegend rund um die Schlesische Straße während der Berlin Musik Week ihren ersten offiziellen Auftritt als Hotspot für Konzerte, Partys und DJ-Acts haben. Wenn die Konzerte des Berlin Festivals am ersten Septemberwochenende gegen Mitternacht zu Ende sind, dann ist die Nacht nicht, wie im vergangenen Jahr, vorbei. Shuttlebusse werden die Besucher vom Flughafen Tempelhof in die Schlesische Straße bringen. In der Arena und weiteren Locations soll es bis in die frühen Morgenstunden weitergehen.  

Nicht nur die Arena, auch das Heinz Minki wird bei der Berlin Musik Week mitmachen. Und auch hier gibt es neue Besitzer: Ludwig Eben, Peter Multhaupt und Olivier Putzbach. Das Trio gehört zur Ex-Tacheles-Crew. Eben hat das Cafй Zapata betrieben, Multhaupt das Tacheles-Kino und Putzbach das Biotop hinter dem ehemaligen Künstlerhaus in Mitte. Die Neueröffnung war Ende Juli, bisher hat sich noch nicht viel verändert an dem roten Backsteinhaus mit dem riesigen Biergarten und der Wohnung im ersten Stock, die man für Privatpartys mieten kann. Doch das Team hinter Eben, Multhaupt und Putzbach arbeitet bereits fieberhaft an einem neuen Konzept. Nicht alles soll anders werden, der Name bleibt, der Biergarten auch, und die Wohnung wird auch weiterhin vermietet werden. Im Garten ist eine begehbare Lichtinstallation geplant, mit Metallskulpturen. Auch im Haus soll es schon bald regelmäßig Ausstellungen geben. Im Dachgeschoss will das Trio Ateliers für Künstler ausbauen lassen. Das alles erinnert sehr an ihr ehemaliges Künstlerhaus in der Oranienburger Straße. Aber aus dem Heinz Minki soll kein zweites Cafй Zapata werden. „Wir wollen hier nicht die Hau-Drauf-Nummer aufziehen, mit krassen Technopartys“, sagt Joanna Anastassiou-Brix. „Das würde ja auch gar nicht hierher passen.“ Anastassiou-Brix kennt den Wrangelkiez gut, sie wohnt seit Jahren hier. Zusammen mit Katrin Maßmann hat sie das Booking im Zapata gemacht. Anders als früher werden im Heinz Minki ab sofort jeden Tag DJs auflegen und es wird viele Liveacts geben.

lidoWatergate, Magnet, Comet, Lido, Club der Visionäre, Arena und jetzt auch das Heinz Minki, hinzu kommt eine stetig wachsende Zahl an Bars, Restaurants – vor allem solche mit Cocktail-Happy-Hour, Dönerbuden, Burgerläden und Spätis: Die Schlesische Straße scheint endgültig zur Reeperbahn Berlins zu werden, zum Party-Strip, aber auch zu einer angesagten Adresse in Sachen Konzerte und DJ-Gigs. Bisher gab es in Berlin eine solche Dichte an Veranstaltungsarealen im Musik- und Nachtlebenbereich auf nur wenigen Hundert Metern nicht. Eine Entwicklung, die von vielen Seiten gewollt und begrüßt wird, die aber auch Gegner hat. Den Club- und Barbesitzern kann der Trubel nicht groß genug sein, doch denen, die hier leben, ist es schon jetzt zu viel. Laute Musik jede Nacht und Betrunkene, die grölend um die Häuser ziehen. Die „Touris raus“-Kampagne im Frühjahr hatte im Wrangelkiez ihren Ursprung, die Aufkleber „Berlin doesn’t love you“ klebten an den Pfosten der Oberbaumbrücke.

Aufzuhalten ist der fortschreitende Ausbau der Schlesischen Straße zur Ausgehmeile jedoch nicht mehr, und ein Zurück gibt es nicht. „Das kann ja niemand ernsthaft wollen“, sagt Ludwig Eben. „Wir müssen es jetzt irgendwie schaffen, eine gute Mischung hinzukriegen.“ Mit „Wir“ meint er die Veranstalter, die Restaurant- und Barbesitzer und die Anwohner. Steffen Hack, der Betreiber vom Watergate, beschreibt das von Eben angesprochene Gleichgewicht zwischen Wohnbezirk, Partymeile und Touristenattraktion so: „Wünschenswert wäre, wenn sich Altes mit Neuem verbindet und nicht das Neue das Alte verdrängt.“ Konkreter wird die Forderung nach einer guten Mischung in dem Bemühen, zu allererst einmal etwas gegen die Lärmbelastungen zu unternehmen. So hat der Club der Visionäre seine Musikanlage gerade neu einpegeln lassen und das neue Heinz-Minki-Team hat sich bereits von einer Firma in Sachen Lärmemission beraten lassen. Auch das Lido bemüht sich um eine gute Beziehung zu den direkten Nachbarn.

Für alle heißt es, einen Kompromiss zu finden zwischen Wohnen und Feiern, ohne dass das Potenzial der Schlesischen Straße als Hotspot für Konzerte, DJ-Acts und Partys verloren geht und ohne dass aus der Gegend der nächste Ballermann wird. 

Text: Katharina Wagner

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

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