Konzerte & Party

Adele: „21“

AdeleÜberhaupt lebt das ganze zweite Album der 22-Jährigen von auferlegten Gelübden, etwa dem, während der Aufnahmezeit für „21“ (XL/Beggars) weder alte noch neue Popmusik zu hören und mit keinem Außenstehenden zu sprechen. Aber wie sonst auch soll man der Londoner Referenzhölle entkommen? Wie recht Produzent Rick Rubin mit dieser Bedingung hatte, zeigt jeder einzelne Song dieses außergewöhnlichen Albums. Groß in den Arrangements, essentiell in der Instrumentierung, agiert hier eine Band, die kaum zitiert, wohl aber viel weiß, von Wanda Jackson bis Earth, Wind & Fire. Es ist ruppig, es ist feurig, es ist ungezügelt, es erlaubt Brüche und Tempiwechsel, brillant das soulig-treibende „Rumour Has It“, mal klingt es wie ein Honkytonk, mal wie ein ABBA-Feger. Und in der Mitte Adele, die seit ihrem Debüt viel gelernt hat. Zum Beispiel in Beziehungen nicht nur rumzuzicken und die Schuld beim anderen zu suchen. Die Zärtlichkeit ihrer Worte, die Reife ihrer Analysen, die Poesie ihrer Bilder für eine erloschene Liebe, der sie voll Selbstkritik dicke Tränen nachweint – jeder Song macht daraus ein dramatisches Kapitel. Das ist ganz großer Soul. Und klingt doch nach Blues, nach Gospel, nach Garagenrock. Immer wieder gibt das Klavier den Ton vor, wird ihre energische, knapp am Schluchzen schrammende Stimme nicht mit süßlichen „HuHus“, sondern mit dynamischen Call-and-Response-Backingvocals ergänzt, so als stünde eine ganze Armada starker Schwestern hinter ihr. Dazu Handclaps und trockene Drums. Und es darf auch hymnisch und schwindelerregend werden, „Set Fire To Rain“ ist feinster Powerpop. Ein kleines Wunderwerk ist dieses Album, so ehrlich, so ungeklaut kommt Popmusik selten daher.

Text: Christine Heise

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