Chamber Pop

Agnes Obel im Admiralspalast

Geleakte Geheimnisse: Agnes Obel ist eine der größten Popstars Berlins. Auf ihrem neuen Album „Citizen of Glass“ findet sie klanglich Unheimliches für unsere smarte neue Welt

Foto: Alex Brüel Flagstad
Foto: Alex Brüel Flagstad

Sie liebt den Schillerkiez, besonders wenn sie nachts Richtung Flugfeld geht und dort das Gras unter den Lichtern leuchtet, als ob es das Meer wäre. Seit zehn Jahren lebt die dänische Sängerin Agnes Obel in Neukölln. Mit 200 Millionen Streams ihrer ersten beiden Alben weltweit ist sie eine der großen Popstars der Stadt. Ihre Markenzeichen: meditatives Klavier-Arpeggio und ganz viel Cello drauf. Und diese perfekte, warmhelle Stimme voller Power. Aber wenn Obel spricht, flüstert sie. Etwa: „Ich habe in den letzten Jahren viel über den gläsernen Bürger gelesen. Elektronische Überwachung.“ Irgendwann habe sie sich einen Sticker auf die Smartphone-Kamera geklebt.

„Citizen of Glass“ heißt das neue, nunmehr dritte Album und kreist inhaltlich um geleakte Geheimnisse. „Ich mag das Fragile und die vermeintliche Transparenz“, sagt die 35-Jährige. „Im Grunde sehen Dinge natürlich anders aus, wenn man sie durch Glas betrachtet.“ Sie findet, wir leben in einer Welt aus Glas, weil wir an vielen Ecken (Pseudo-)Transparenz hoch­halten: „Das Ideal, sich selbst zu dokumentieren und das nach außen zu tragen.“ Das beginne bloß bei den sozialen Medien, ­stoße aber in alle Bereiche unserer Kultur hinein. Was früher Privileg der Künstler war (das Private etwa in Memoiren zu inszenieren) steht heute jedem frei. „Ich finde das auch cool“, sagt Obel. „Aber es verändert, wie wir uns selbst von außen betrachten, um zu steuern, wie uns andere wahrnehmen.“

Da klingt Gefahr an. Einer der Tracks heißt trefflich ­„Trojan Horses“. Gemeint ist einerseits das mythische Pferd aus Holz vor den Toren Trojas, in dem sich Odysseus und seine Getreuen versteckten, um in die feindliche Stadt zu gelangen, aber auch Trojanerviren, die Computer befallen. Das neue Album ist noch mal ein qualitativer Sprung. Es ist nicht bloß rhythmischer, mit zauberhaft komplexen ­Streicher-Arrangements. Aber Obel hat sich – entsprechend zum Thema der verunsichernden Transparenz – auch musikalisch ihre gewohnte Klavier-Komfortzone verlassen. Sie hat sich deshalb eine Celesta mit glas­glockenähnlichem Klang gekauft. Dazu noch Harmonium, Spinett und ­Trautonium. Zwar alles Instrumente mit Klaviaturen, aber doch sehr ­anders im Anschlag und ihrer ganzen Mechanik als ein ­Pianoforte. Selbst das hat sie fürs Album präpariert, also den Saiten-Sound durch drapierte Fremdkörper verfremdet. Das klingt an vielen Stellen nach Schlagwerk.
Ein Highlight ist der Song „Familiar“: ein Duett mit sich selbst, die zweite Stimme  in androgyne Tonlagen downgepitcht. Es klingt, als würde sie mit Anohni singen. Auch ihr perkussives Atmen hat sie unheimlich heruntergeschraubt. Aber kein Effekt für den Selbstzweck, sondern um das geheimnisvoll Geisterhafte des Texts zu beschwören: „Our love is a ghost that the others can’t see.“ Und auch wenn sich nicht alle ihre Lyrics leicht dechiffrieren lassen, ist doch wahr, was Agnes Obel auch gegen das zu Gläserne, das Leaken von ­Allem, ins Felde führt: „Es liegt“, sagt sie, „eine Kraft in den Geheimnissen.“

Agnes Obel im Admiralspalast Friedrichstr. 101, Mitte, Mo 14.11., 20 Uhr, VVK: 35 €

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