Konzerte & Party

Agnes Obel im Admiralspalast

Agnes Obel

tip Wie finden Sie eigentlich die vielen sehr tanzbaren Remixe Ihrer Kammermusik, Frau Obel?
Agnes Obel Eigentlich nicht sehr naheliegend. Oder? (lacht) Aber wann immer wir das gemacht haben, sind die Remixe nicht traditionell. Nicht gerade die klassischen Club-Remixe.

tip Ihr zweites Album, „Aventine“, heißt wie ein Hügel in Rom. Nicht „Kreuzberg“, wo Sie leben.
Agnes Obel Der Titel bezieht sich darauf, wie ich das Album gemacht habe. Ich wollte sehr instinktiv vorgehen mit vielen ungeordneten Ideen. Der Song handelt davon, ohne vorgegebenes Ziel zu handeln. Er bezieht sich nicht direkt auf einen geographischen Ort.

tip Beeinflusst Berlin Ihr Songwriting überhaupt, nun da Sie seit acht Jahren hier leben?
Agnes Obel Hier herzuziehen tat mir gut, nicht bloß als Songwriterin, sondern als Mensch. Das war eine sehr wichtige Entscheidung in meinem Leben. Wissen Sie, ich komme aus Dänemark, aus Kopenhagen. Meine gesamte Familie lebt dort, ich bin dort zur Schule gegangen. Es ist zwar hübsch dort, aber ich hatte das Gefühl, ich muss da raus. Berlin ist natürlich eine sonderbare Alternative. Es ist eine seltsame Stadt, aber in Anbetracht der Geschichte und dem Mix an Leuten, liebe ich es, hier zu leben.

tip Ich habe gelesen, Sie behaupten, es falle Ihnen schwer, Melodien zu schreiben. Wie kann das denn sein?
Agnes Obel Ich glaube nicht, dass ich das gesagt habe, denn ich schreibe ständig Melodien. Da muss ich falsch zitiert worden sein. Egal. (lacht) Jedenfalls arbeite ich viel an Melodien, und das Klavier ist dafür ein wunderbares Instrument. Meine meisten Songs starten mit Melodien – nur wenige mit Akkordfolgen. Dann höre ich eine Geschichte in der Melodie. Manchmal mit Worten, manchmal ohne. Das ist aber typisch für mich, dass es oft nicht klar ist, in welche Richtung sich etwas noch entwickeln kann. Manchmal verstehe ich selbst erst im Nachhinein, warum ich eine bestimmte Geschichte in einer Melodie entdeckt habe.

Agnes Obeltip Sie instrumentieren sehr fein, mit Cello, Violine Bratsche und Keltischer Harfe.
Agnes Obel Ich mag Simplizität – nicht im Songwriting, sondern im Arrangement, wie in Folk-Musik oder im Blues. Oder besser gesagt: Transparenz in der Instrumentierung. Sodass man jedes einzelne Instrument heraushören kann. Ich mag diese Klarheit in der Produktion. Das fällt mir leichter, wenn ich wenige Instrumente einsetze. Wenn ich die naheliegenden und ungewöhnlichen Möglichkeiten dieser Instrumente gut kenne. Bei „Philharmonics“, meiner ersten Platte, war das zunächst das Klavier – dann kam das Cello hinzu, etwas Keyboard und einmal auch Gitarre. Auf „Aventine“ ist das Cello das Hauptinstrument. Nach der Tour mit verschiedenen Streichinstrumenten hab ich gemerkt, dass ich dafür am besten arrangieren kann.

tip Ihre Songs klingen oft nach Soundtracks für Geschichten.
Agnes Obel Manchmal gibt es eine klare Story, die ich mit Melodielinien oder Worten erzählen möchte. Manchmal gehen die Geschichten mit Bildern einher. Kompliziert wird es, wenn man eine Geschichte hat und die passende Musik fehlt, um diese Geschichte zu erzählen.

tip Bei manchen Tracks singen Sie dann auch mal gar nicht.
Agnes Obel Ich mag Instrumentalmusik. Meine Alben sollen zwischendurch auch die Möglichkeit anbieten, aus dieser Welt mit ihren Wörtern auszubrechen. Dann nimmt man die Songs mit Lyrics auch wieder anders wahr. Beides tut einander gut.

tip Einer der eingängigsten Songs von „Aventine“ heißt Dorian. Ist das Dorian Gray?
Agnes Obel Nicht so direkt, aber ich wollte tatsächlich das Bild von etwas zeichnen, das außen wunderschön und innen verrottet ist. Dorian ist ja schon ein wunderschöner Name. In meinem Songtext reimt sich Dorian auf carrion, Aas. Das gefiel mir: dieser wunderschöne Name mit verwesendem Fleisch im Innern. Sie haben recht, das passt zu Dorian Gray. Dabei war das nicht mal meine Intention.

tip Es gibt jetzt eine Deluxe-Version von „Aventine“ mit neuen Tracks, auch Live-Versionen. Wann und wie sind die entstanden?
Agnes Obel „Under Giant Trees“ hab ich geschrieben, während ich am Album schrieb, ließ es dann aber doch raus, weil ich das Gefühl hatte, es führt in so verschiedene Richtungen, sodass ich mich fragte, ob es nicht eher mindestens zwei Songs sind. Nach der Wintertour haben wir nochmal dran gearbeitet, auch mit Bratsche, sodass es schließlich gut passte. „Arches“ hab ich im Mai geschrieben. Einer der ganz wenigen Songs, bei denen die Lyrics vor der Melodie da waren. „September Song“ fand ich von Anfang an schön, aber ich wusste nicht recht, was ich damit anstellen sollte. Das passiert mir übrigens ständig. Jedenfalls hatte ich bei all diesen Tracks das Gefühl, sie gehören nicht auf ein ganz neues Album.

tip Daniel Matz hat ein sehr aufwändiges Rework von „Dorian“ produziert, mit neuen Vocals. Und David Lynch hat einen Remix von „Fuel To Fire“ gemacht.
Agnes Obel Allmählich ergab es einfach Sinn, das „Aventine“-Album noch mal aufzulegen. Dann erzählten mir Leute auch noch, dass sie meine Live-Versionen lieber mögen als die auf dem Album. Damit war ich zwar nicht super happy, weil wir das Album zuvor aufwändig arrangiert haben. Trotzdem freut es mich, dass das Publikum die etwas anderen Arrangements der Tour so mochte und dass sie nun auf Platte erscheinen.

tip Werden sie auf dieser Tour noch mal anders klingen?
Agnes Obel Vieles fällt mir live schwer. Ich spiele die Songs lange nur auf einem kleinen Klavier in einem kleinen Raum. Und plötzlich bin ich auf einer riesigen Bühne mit diesem Flügel. Ich hab auf den Alben keinen einzigen Song mit Flügel eingespielt. Das erzeugt eine ganz andere Dynamik. Auch bei den Streichinstrumenten. Es reizt mich, wie die Songs sich in großem Aufzug noch mal anders entwickeln. Und ich liebe die Momente bei den Konzerten, in denen wir aus dem Soften ausbrechen und fast ein Rockkonzert veranstalten. Wenn der Bass die Füße schüttelt.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto oben: Promo

Foto unten: Frank Eidel

Agnes Obel, Admiralspalast, So 12.10., 20 Uhr

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