Konzerte & Party

Aimee Mann im C-Club

Ihr eigenes Label nennt sie SuperEgo und in einer jüngst im Magazin „The New Yorker“ veröffentlichten Reflexion zum Thema Glück kommuniziert sie die Erkenntnis, dass die meisten Ereignisse im Leben nicht persönlich gemeint sind und dass uns letztlich die Erklärung ihrer Entstehung verschlossen bleibt. Nur wenn wir das akzeptieren, haben wir die Chance auf Glück. Das klingt nun nicht gerade nach dem denkenden Bauchnabel, um den die Sonne kreist. Aimee Mann kann sehr zynisch, sehr böse sein. „I’m living a lie, you’re living it, too, ’cause I live it with you“, singt sie im zuckersüßen Duett mit James Mercer von The Shins. Ihr aktuelles Album „Charmer“ jongliert, wie auch schon die Vorgänger, so geschickt zwischen Anklage und Selbsterkenntnis, Kampfeslust und Resignation, dass man ihr willenlos folgen möchte; wenn sie etwa proklamiert, dass es für Glück keine äußeren Gründe gibt und dass allein das stete Ringen um Selbsterkenntnis den Weg ins Paradies zu pflastern vermag.

Der spaßigere Weg ist es allemal, wie das Weihnachtsvideo auf ihrer Website zeigt: Auf der Suche nach ein paar Gastpromis für ein X-Mas-Special erntet sie zahllose Körbe von Leuten wie Ben Stiller, Weird Al Yankovic, Will Ferrell  u.?a. – geschickt, ironisch und den Promikult entlarvend inszeniert, am Ende ist sie allein. Angefangen hat die heute 52-Jährige zunächst in der Punkband Young Snakes, um wenig später zusammen mit drei Freunden  die New-Wave-Band ’Til Tuesday zu gründen. „Voices Carry“ wurde ihr signifikanter Power-Pop-Song, in dem Aimee Mann als Bass spielende Frontfrau mit schlohblonder Stachelfrisur den Aufstand gegen das Bürgertum probt. Der Anfang ihrer Solokarriere wurde zur Stolperpartie, die Fans taten sich schwer mit dem neuen Sound, die Plattenfirma machte nichts als Ärger. „Nothing is good enough for people like you“, kriegte Mogul David Geffen von ihr zu hören und ihr zweites Soloalbum taufte sie „I’m With Stupid“, ich bin unter Idioten. Heute, mit acht Soloalben und dem gefeierten Hollywood-Soundtrack „Magnolia“, ist sie zum Sprachrohr der Skeptiker in ihrer Generation geworden.

Ob Unsicherheit, Eitelkeit, Scheitern, Einsamkeit, Impotenz oder Egomanie – nichts entgeht ihrer Wahrnehmung und ihr Lieblingsstudienobjekt dabei ist neben dem sezierenden Beobachten von Beziehungen ihr eigenes Spiegelbild. So wird sie zum Spiegel für ihr Publikum. In knappen Formulierungen, verpackt in zauberhafte Melodien, legt sie den Finger auf allgemeingültige Wunden, wenn sie zum Beispiel in „Disappeared“ singt: „Now I join the cue of people dead to you. The one-time chosen few.“ Wer sich hier nicht automatisch fragt, wie sieht meine eigene Schlange von Leuten aus, die ich einst verehrte und dann eiskalt fallen ließ, der sollte dieser kühlen Blonden nicht zu nahe kommen. Er wird sie nie verstehen, nie erkennen, dass hinter ihren manchmal schneidend scharfen Worten, vorgetragen im Distanz schaffenden, arrogant wirkenden, näselnden Grundton ein leidenschaftliches, kämpfendes Herz schlägt.

Text: Christine Heise

Foto: Sheryl Niels Photography

Aimee Mann + Ted Leo C-Club, So 20.1., 20 Uhr, VVK: 30 Ђ

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