Konzerte & Party

Aktuelle Konzertberichte vom Berlin Festival 2012

Der erste Eindruck von der Treppe aus: Rummelplatz-Feeling. Dafür sorgt eine Autoscooter-Anlage mit bunten Lichtern, auch hier legt ein DJ auf. Die Atmosphäre ist sichtlich entspannt, das Publikum altersmäßig stark gemischt, der jüngste Festivalbesucher ist vermutlich noch kein Jahr alt und wird im Kinderwagen herumkutschiert. Alle anderen laufen entspannt zwischen den drei Hauptbühnen hin und her oder quer durch den Event-Parcour mit Art Village, Waschanlage, Kleiderbox usw., lassen sich von mobilen Bierkellnern eine Molle eingießen oder mampfen einen Hotdog – den gibt’s sogar vegan.

Brandt_Brauer_Frick_EnsembleFESTIVAL-OPENER: BRANDT BRAUER FRICK ENSEMBLE
Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick fanden 2008 als Brandt Brauer Frick zusammen. Das Trio konnte mit den meisten Kombinationsversuchen zwischen Techno und klassischer Musik wenig anfangen und probierte stattdessen eigene Versionen. Statt Technotracks einfach mit klassischer Musik zu unterlegen, nutzen sie die klassischen Instrumente
von Harfe bis Xylophon, um echte Technoklänge mit analogem Klang zu erzeugen.
Zum Berlin Festival hat sich das Trio orchestrale Unterstützung mitgebracht. Zu zehnt sitzt das Ensemble auf der Bühne und reißt das Publikum schnell mit. Und sie zaubern den ersten Überraschungsgast aus dem Hut: Jamie Lidell, früher dem Techno verschrieben, inzwischen aber eher auf Soul und Funk abonniert, unterstützt die Formation mit seinem Gesang. Mit seinem Apple-Laptop und Zusatzgerätschaften nimmt er seinen Gesang auf und verfremdet ihn parallel gleich wieder.
Der Sound ist im Vergleich zum letzten Jahr deutlich besser, das Brandt Brauer Frick-Ensemble sollte man dennoch mal in einer echten Konzerthalle sehen, weil die intimere Atmosphäre einfach noch besser zur Musik passt. Oder heute Abend (8.9.) im Club X-Berg, da dürfte die Akkustik auch noch mal anders sein.

 

Michael Kiwanuka

MICHAEL KIWANUKA
Erst im April spielte der britische Musiker im ausverkauften Postbahnhof. Das Kompliment, er sei die Wiedergeburt der Soullegende Bill Withers, erschreckt und erfreut den Shootingstar gleichermaßen, wie er damals im tip-Interview verriet. Dennoch lehnt er sich bewusst an die Songkultur von Curtis Mayfield an, seine Musik soll mehr als tanzbar sein, eben auch eine Haltung transportieren, weil das heute nicht mehr unbedingt Usus ist.
In Berlin zeigt sich der junge Musiker mit ugandischen Wurzeln entspannt, er spielt zum ersten Mal auf einem Flughafen und mag es sofort. Seine Stimme ist der pure Soul und das Publikum lässt sich voll und ganz darauf ein.

LITTLE DRAGON
Mit locker flockigem Electro-Pop sorgten die Schweden mit ihrer zierlichen Frontfrau am späten Nachmittag bereits für die ersten ausgiebigen Tanzbewegungen unter den Festivalbesuchern. Ohne wirklich neues Material am Start zu haben, spielte das Trio hauptsächlich Songs vom 2011er Album „Ritual Union“. Alles in allem ein routinierter Gig, der natürlich in erster Linie vom kokettierenden Charme von Frontfrau Yukimi Nagano lebte und den auch eine Sonnenbrille mit Goldrand nicht verbergen konnte.

WE HAVE BAND
Die drei Indietronicer Darren Bancroft, Thomas Wegg-Prosser und Dede Wegg-Prosser, besser bekannt unter dem Namen We Have Band, machen von Anfang an Druck auf der Bühne. Schön anzuhören ist der wechsel der Stimmen. Jeder der drei hat seinen festen Part in einem Song. Das bringt Abwechslung. Bei ihrem Hit „Where are you People?“ vom aktuellen Album „Ternion“, der schon recht früh Aufnahme ins Set gefunden hat, ist das besonders gut zu hören. Sängerin Dede Wegg-Prosser wandelt dabei lasziv zwischen ihren Bandkollegen. Kraftvoller Sound und eine gute Bühnenshow – man wünscht den Londonern ein wenig mehr Publikum, denn die meisten scheinen sich für „Little Dragon“ auf der Mainstage entschieden zu haben.

TOCOTRONIC
Dirk von Lowtzow betritt, ganz in Weiß gekleidet, mit großer Geste die Hauptbühne. Die Faust reckt er in die Luft, die Band stimmt sich dabei ähnlich einem klassischen Konzert monumental ein und begrüßt das Publikum dann mit dem Song „Freiburg“ und der Textzeile „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“. Das ist hochkomisch. Und so soll es das ganze Konzert über bleiben. Lowtzow gibt viel Pathetisches von sich, sagt Sätze wie: „Wir wollen jetzt ein Stück gegen die reaktionären Kräfte dieser Stadt spielen.“ und wäre damit wohl besser auf der Encore Stage aufgehoben. Dort prangt neben der Bühne ein großes Plakat mit der Aufschrift „Gentrifizierung“. In großen, weißen Lettern und auf blutrotem Untergrund wird wenig später das Wort „Kapitulation“ auf die Bühnenleinwand geworfen. Und tatsächlich kapitulieren schon recht früh zahlreiche Zuschauer bei diesem Konzert. Die von ZDFkultur kostenlos verteilten Pappkartons erweisen sich als gute Sitzmöbel. Die reaktionären Kräfte sind aber auch ganz irdischer Natur, denn während sich Tocotronic durch ihr Best-Of-Set und einen etwas matschigen Sound arbeiten, beginnt es zu regnen. Bei „This Boy is Tocotronic“, der im Set natürlich nicht fehlt, fällt einem dabei nur ein: „This Crowd is nur bedingt Tocotronic“

FRITTENBUDE
Im Anschluss dann Frittenbude im Hangar 5. Das Konzert beginnt die Elektropunk-Band aus Geisenhausen ganz frech mit einer Anleihe aus „Clockwork Orange“. Wie wenig sich diese Band um das Anheizen ihrer Fans bemühen muss, zeigt sich schnell. Der Hangar ist rappelvoll. Die Masse tanzt. Auf der Bühne hüpfen Pandabären und dazu macht Sänger Johannes Rögner in seinen Ansagen den Zuschauern immer wieder klar, dass, wenn man doch schon scheiße ist, es wesentlich besser rüberkommt, wenn man das gemeinsam ist. Es geht bei Frittenbude auch weniger um den Inhalt. Das weiß man. Der Rhythmus und der harte Bass zählen. Bier und Prolltum gehören eben dazu. Und das kommt in Berlin gut an. 

MIIKE SNOW
Andrew Wyatt, Sänger der Pop-Band Miike Snow, mag man seine sanfte Stimme kaum abnehmen. Auf der Bühne präsentiert sich der Frontmann im gewohnten Schmuddel-Look mit latent fettigen Haaren. Rock ist aber bekannterweise nicht seins. Die Bühne funktioniert mit ihren Aufbauten wie eine Art UFO. Es blinkt, blitzt und irrlichtert herrlich. Dazu reichen die Schweden ihre klug inszenierten, seichten Poprhythmen. Nach Frittenbuden ist diese Harmonie etwas gewöhnungsbedürftig. Sie passt aber zum Nieselregen draußen vor den großen Hangartoren. Miike Snow liefern ein solides Set ohne große Höhen und Tiefen. Und ihre seichten, eingängigen Keyboardsounds stimmen hervorragend auf das anstehende The Killers-Konzert ein.

kate_nashKATE NASH
Tip Berlin beschrieb sie vor zwei Jahren als unbekümmertes Girl am Piano,das zur erwachsenen Frau geworden ist, die Zähne zeigt und den inneren Punk herauslässt. Seither changiert die Londonerin, deren Karriere große Ähnlichkeiten mit der von Lily Allen aufweist, weiter zwischen Punk und Pop. Umgeben von drei weiteren „Chicks“ rockt Kate Nash beim Berlin Festival parallel zu Little Dragon. Frauenpower hier wie da, doch wo Little Dragons Frontfrau das Publikum vor allem mit ihrer Stimme pusht, kokettiert Nash nicht wenig mit ihren Reizen. Gekleidet in einem knappen Gothicfummel zieht sie alle Register zwischen Schulmädchen und Punklady. Sie hat deutlich Spaß, ihr Bandkolleginnen hingegen wirken ziemlich scheu und fast unrockbar.

 

GrimesGRIMES
Eingequetscht zwischen Tocotronic auf der Mainstage und Frittenbude im Hangar 5 zog die kanadische Sängerin mit bürgerlichem Namen Claire Bocher dennoch viel Publikum an. Spätestens seit ihrem ausverkauften Konzert im Mai im Berliner Berghain ist  sie kein Geheimtipp mehr.  Wie sie mit ihrer Stimme jongliert und sie modifiziert, konnte man im Hangar 4 erleben, allerdings mochte nicht jeder die Verbindung ihrer eher hohen, dünnen
Stimme mit harten Technobässen, jemand in der Nähe meinte bissig: „ist ja wie Sandra auf Eurodance“.  Neben der Sängerin hüpfte fast pausenlos ein Drummer wie ein Duracellhase auf und nieder und später gesellte sich ein Background-Trio in glitzernden, blinkenden Klamotten dazu, dass bunte Laserschwerter hektisch durch die Luft schwang.  Sollte wohl lustig sein oder trashig. Na ja, Geschmackssache.


SIGUR RУS
Nahezu isländische Wetterverhältnisse herrschten beim Konzert von Sigur Rуs: 16 Grad und 90% Luftfeuchte, sprich Nieselregen. Prompt gingen die ersten Schirme auf, die wiederum empörte Reaktionen hervorriefen. Ein Gruppe grölender Engländer übte sich im Nachsprechen des deutschen Satzes: „mach den verfickten Schirm zu“. Aber sonst war’s ein schönes Konzert, die gute Portion Melancholie und Dramatik mit märchenhafter Stimme von Sänger Jonsi vorgetragen, wirkt selbst im Flughafen- bzw. Festivalrahmen. Und das Publikum geht super mit, die ersten Wunderkerzen werden angezündet, die sehr gut zu den
Videoanimation fliegender Funken, Schneeflocken und Regentropfen
passen.

/the_killersTHE KILLERS
Dass diese Band für das Berlin Festival zugesagt hatte, war ein Volltreffer für die Veranstalter. Zum Release des neuen Albums „Battle Born“, bringen sich die Amerikaner wieder ins Bewusstsein, allerdings vor allem mit alten Hits wie „Somebody Told Me“, die das Publikum dankbar und erstaunlich
textsicher mitsingt. Fast könnte man von einer Stadienrock-Atmosphäre sprechen, wozu auch die einsetzende fette Lasershow passt: und die Coverversion der Alphaville-Schnulze „Forever Young“ kurz vor Auftrittsende.

ORBITAL
Paul und Phil Hartnoll feiern auf dem Berlin Festival ein überraschendes Comeback. Das Techno-Duo ist seit fast 25 Jahren aktiv und hat in diesem Jahr das Album „Wonky“ veröffentlicht. Das erste seit acht Jahren. Ihr Alter merkt man den beiden Brüdern allerdings an. Ihr Sound ist nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, ist weniger beatlastig, als man das etwa von vergleichbaren Heroen wie den Chemical Brothers gewöhnt ist. Dennoch – diese atmosphärischen, verspielten Klänge bereiten auch anno 2012 noch große Freude. Offensichtlich sind zahlreiche Landsleute angereist, die vor der Bühne kräftig Stimmung machen. Das Orbital mit ihrer reaktivierten Live-Präsenz nicht zum selbstreferenziellen Produkt gerieren, zeigen sie in Berlin eindrücklich. Und sie schrecken auch nicht vor einem Mashup alter 80er Jahre-Hits zurück. Diese Ironie steht den Herren äußerst gut.

 

Zweiter Tag beim Berlin Festival 2012

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