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Alabama Shakes: Boys & Girls

Alabama Shakes: Boys & GirlsOtis Redding ist als Frau zurückgekehrt. Lauter kann es kaum donnerhallen, um auf eine neue Band aus den Südstaaten aufmerksam zu machen. Aber wieso als Frau? Es dauert schon eine gewisse Weile, bis man die beeindruckende Stimme von Brittany Howard identifiziert, so energiegeladen segelt sie an der Reibeseite der Stimmbänder entlang. Gleich der Auftakt positioniert sie als die vermisste Schwester der Followill Brüder aka Kings of Leon. Der alles dominierende, süchtig machende Bluesriff von „Hold On“ ist die denkbar wirksamste Energiespritze, die momentan aus den Boxen dröhnen kann. Archaisch, rudimentär. Melodien, Refrains – überflüssig. Die erschreckend junge vierköpfige Band aus Athens (Alabama) steht für all die Derbheit, Schwüle und kompromisslose Leidenschaft, die man gemeinhin mit den Southern Sounds verbindet, vielleicht auch nur idealisiert. Und das alles ist natürlich schwer angesagt: The Black Keys, Jack White, Beth Ditto. Zwischentöne sind out. Zudem avancieren die weiblichen Stars dieser rootsaffinen Szene zum Gegenmodell der angepassten und overstylten Sexsymbole, zur Freude von Weight-Watchers-Gegnerinnen und Rock’n’Rollern by heart. Technologieferne, fehlendes Marketing, schwitzende Ursprünglichkeit bis hin zur blanken Triebabfuhr – das Herzblut darf hemmungslos triefen. Alabama Shakes signalisieren dabei eine sympathische Unschuld. „Are you scared of me?“, fragen sie in „You Ain’t Alone“ den depressiv Dahintrottenden. Hast du Angst, deine Gefühle zu zeigen? Mit diesem brachialen Blues haben sie der Welt tatsächlich etwas zu sagen. Simpel, direkt, und unbehaglich. „Heartbreaker“ dagegen ist ein großes, deepsouliges Tröstungsunternehmen. Ausgerechnet das Titelstück „Boys & Girls“ kommt so üppig mann- und frauhaft daher, als wäre die Leidenschaft nie in lächerlichem Elektropop ertrunken. Diese Band ist genau die Medizin, die kein Arzt je verschreiben kann.

Text: Christine Heise

tip-Bewertung: Hörenswert

Alabama Shakes, Boys & Girls (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)

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