Singer/Songwriterin

Aldous Harling im Auster Club

Die Neuseeländerin Aldous Harling ist trotz ­ihrer eher intro­vertierten Songs und verletzlichen Erscheinung auf dem besten Weg, ein Popstar zu werden. Eine persönliche Würdigung

Foto: FA Schaap

Den Namen Aldous Harding hörte ich erstmals in Neuseeland. Ein Hostel-Mitarbeiter in einem ab­gelegenen Ort auf der Südinsel nannte sie auf meine Frage nach guter aktueller Kiwi-Musik. Auf dem Rest der Reise begegnete mir die etwas ängstlich vom Cover ihres selbstbetitelten Debüts blickende Singer/Songwriterin auf Postern oder im Plattenladen. Sie war in ihrer Heimat offenbar mehr als ein Geheimtipp. Kurz vor dem Heimflug kaufte ich das Album in Christchurch, wo Harding einst erste eigene Songs auf der Straße gespielt hatte.

Live sah ich sie aber erst wenig später im sparsam gefüllten Privatclub in Berlin. Es war ein intensiver Auftritt: ­Harding trug die meisten ihrer fragilen, aus der Zeit gefallenen Dark-Folk-Songs solo vor, die Nylonsaiten-Gitarre auf den überschlagenen Beinen. Zuweilen stützte sie den Kopf beim Zupfen versunken auf den Korpus, verzog das Gesicht zur Grimasse, starrte wild vor sich hin. Das hatte etwas Besessenes, Unheimliches. In ihren Ansagen kam dagegen ein trockener Humor zum Vorschein, ein bodenständiges Gegengewicht zur verletzlichen Erscheinung. Und als sie zur Klavierbegleitung ­eines Mitmusikers neue Stücke sang und bei der Zugabe überraschend souverän herausfordernde Cover-Songs wie „Wuthering Heights“ von Kate Bush und Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“ schmetterte, war von der vorigen Introvertiertheit nur noch wenig zu spüren. Teils verschrobener Gothic-Folkie, teils raumgreifende Chanteuse: Harding war ohne Zweifel eine besondere Erscheinung.

Ein Jahr später ist diese Erscheinung ein weltweit angesagter Newcomer und sitzt auf einem Berliner Hotelsofa, um über ihr zweites Album „Party“ zu sprechen. Mit weißem Oberteil und weißer Hose zu schwarzen Socken und Halbschuhen ist die 1990 mit dem Vornamen ­Hannah geborene Neuseeländerin schlicht, aber stilbewusst gekleidet, passend zu ihrer ernsten, reservierten Art. Irgendwann im Gespräch entschuldigt sich Harding für die zögerlichen Antworten, die langen Denk­pausen: Ihre Energie und Konzentration seien nicht mehr ganz auf der Höhe. Doch eine fröhlich sprudelnde Plaudertasche war eh nicht zu erwarten gewesen. Dabei laufen die Dinge gerade gut für Aldous Harding, extrem gut: Nach viel Kritikerlob, auch jenseits von „Down Under“, und Touren durch Europa und die USA, wurde „Party“ von niemand Geringerem als PJ-Harvey-Intimus John Parish produziert und erscheint obendrein bei der britischen Indie-Institution 4AD. Harding, diese Aura verbreitet sie durchaus, ist auf dem besten Wege, ein Star zu werden.

„Es fühlte sich seltsam an. Aber ich gewöhne mich dran“, kommentiert die Sängerin ihren Aufstieg. Bevor sie sich Aldous nannte – „Hannah Harding klang nach Country-Sängerin“ – sang sie als Teenager in der Uni-Stadt Dunedin mit Freundin Nadia Reid, heute ebenfalls Singer/Songwriterin mit einer zweiten Platte. Später war sie Teil der Künstler-Community im malerisch gelegenen Hafenort Lyttelton bei Christchurch. Hier spielte Harding in einer Band, nahm schließlich mit Musikerfreunden eigene Songs für deren Label auf. Dank des legendären neuseeländischen Labels Flying Nun fand ihr Solodebüt später auch den weiten Weg in die restliche Welt.

Die neuen Demos mailte Harding an Parish, den sie ein „Genie“ nennt. Sie habe eine recht exakte Vorstellung gehabt, was sie wollte, sagt sie über die gemeinsamen Aufnahmen in ­Bristol. Manchmal habe sie sich aber verrannt: „John war geduldig. Er hat wohl gemerkt, dass ich einfach Panik schiebe, weil ich denke, etwas fehlt.“ Nun klingt ­„Party“ vielfältiger und reifer als das recht traditionelle Erstwerk. Klavier, Saxofon, Orgel, Beats und Backgroundchöre sind effektvoll, manchmal überraschend dosiert. Harding selbst empfindet den Sound als „mächtig“, was auf jeden Fall auf ihre Vokalperformance zutrifft. Vom kindlichen Organ einer Joanna Newsom über ein zartes Folk-Timbre bis hin zum theatralischen Croonen lotet sie eine bemerkenswerte Bandbreite aus. Auch ihre Texte sind nicht mehr nur tiefschwarz. Die archaischen Bilder von Tod, Blut, Hoffnungslosigkeit des Debüts waren Spiegelbild eines Nervenzusammenbruch. Seitdem hat sie viel gewonnen: einen Partner, Anerkennung, Erfahrung, Selbstsicherheit. So ist „Party“ immer noch ein Fest der Melancholie, aber zumindest keine Trauerfeier mehr. Sie erzählt immer noch von Zweifeln, Liebesschmerz und gruseligen Drogenerfahrungen, aber eben auch von Glücksmomenten wie dem Hüpfen auf Pariser Betten.

Zur Bedeutung einzelner Lieder äußert sich Harding ungern. Die solle jeder für sich finden. Auch bei anderen Themen kommt im Gespräch ihre starke Persönlichkeit durch. ­Natürlich sei Harvey sehr inspirierend und sie habe viel Kate Bush gehört, sagt sie befragt zu weiblichen Vorbildern. Das schlage sich aber nicht in ihrer Musik nieder, findet sie. „Ich versuche nicht wie irgend jemand zu klingen.“
Auch die Frage zu ihren Musiker-Mutter blockt sie ab. Dabei stand sie mit Lorina Harding, selbst Folksängerin, schon auf der Bühne. Auch im Musikvideo zur dramatischen Klavierballade „Horizon“ sind Mutter und Tochter zu sehen – erstere als ­weißgekleidete Stocktänzerin, zweitere als verstörendes Wesen in Schwarz. Da legt Harding wieder die angsteinflößende Mimik an den Tag, die sie schon beim Konzert beherrschte. „Das ist ­Konzentration und Emotion“, sagt sie über ihre Bühnen-Grimassen. „Wenn Leute miteinander im Bett sind, verziehen sie die Gesichter, weil die Erfahrung verwirrend und schön und zugleich unkontrollierbar ist. Ich fand nie, dass ich das unterdrücken oder verstärken muss. Ich tue einfach, was sich natürlich anfühlt.“ Verwirrend, schön, unkontrollierbar – keine schlechte Beschreibung für Aldous Harding.

Auster Club Pückler Str. 24, Kreuzberg, Di 30.5., 21 Uhr, VVK 18,30 € zzgl. Geb.

Aldous Harding: „Party“ (4AD/Beggars)

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