Straßenmusik

Als Straßenmusiker debütieren

Da stehe ich also mit meiner Gitarre auf der Kottbusser Brücke und weiß sofort: Hier ist das Pflaster für Straßenmusiker so stahlhart wie das Brückengeländer.

Erik Heier
Foto: Lena Ganssmann

Hier musst du liefern. Schwitze jetzt schon. Habe ja noch nie vor Leuten gespielt. Außer einmal. Lange her. Verdrängt. Leute sind hier aber kaum. 12 Uhr. Hallo, Kreuzberg, was geht? Wünsche mich in den Gitarrenunterricht zurück, den ich vor 30 Jahren nicht hatte. Lehne mich ans Geländer, lege meinen Panama-Hut neben mich. Habe vorher einen Zettel am Computer gebastelt. Draufkopierter 20-Euro-Schein. Dazu der Satz „Mach ihn rein!“ In 100-Punkt-Schrift. Schaden kann’s ja nicht. Oder?
Mir fällt plötzlich eine Berliner Straßenmusikerin ein, die neulich 1.000 Euro für ihren Gitarrenkoffer auf der Straße berappen sollte, der da nicht liegen durfte. Aber ein Hut ist kein Koffer. So prinzipiell. Gucke mich trotzdem nach Polizisten um. Keine zu sehen. Stehen wahrscheinlich alle gerade am Kotti, im Görli und in der Rigaer Straße rum. Nehme all meinen Mut und meine fünf Akkorde zusammen. „Tonight, tonight“, Smashing Pumpkins.
Ein junger Mann mit Basecap bleibt neben mir stehen. Zückt seine Geldbörse, da bin ich noch beim ersten Refrain, tut was in den Hut. Ich linse beim Spielen runter. Ein einsames Fünf-Cent-Stück. Vergreife mich sofort übel beim nächsten Akkord. Aber wie Olli Kahn immer sagte: Weiter, immer weiter. „What A Waster“,  Libertines. Genau.  Zwei Mädchen: defilieren achtlos weiter. Männergruppe: kurzer Seitenblick im Vorbeigehen. Und weg. Banausen. Der Basecap-Junge: „Hast du einen Namen?“ Ich, peinlich berührt: „Nö, spiele nur so.“ Ein Windstoß. Mein „Mach ihn-rein“-Zettel weht hoch. Verfängt sich im Geländer. Ich schiebe ihn mit dem Fuß zurück zum Hut.  Vergurke dabei den nächsten Akkord. Ach je. Reiße jetzt „Bad Moon Rising“ von Creedence Clearwater Revival runter. Ziemlich apokalyptischer Text übrigens. Vater mit Kleinkind auf den Schultern bleibt stehen. Wippt mit. Bin gerade bei: „Hope you are quite prepared to die.“ Hoffe plötzlich, das Kind versteht kein Englisch. Da gehen Vater und Kind weiter. Bisschen abrupt. Vielleicht doch Briten. Die haben es ja gerade auch nicht so leicht.
Nächster Windstoß. Hut kippt beiseite. Fliegt fast in den Landwehrkanal hinein. Erwischen ihn gerade noch mit dem Fuß. Sehe jetzt aber unten im Wasser den „Mach ihn rein“-Zettel treiben. Verdammt. Mein junger Fan wirft nochmal zwei Zwei-Cent-Stücke und ein Ein-Cent-Stück nach. Danke auch. Einer geht noch. „Dancing in the Dark“, Springsteen. Jetzt ist mir alles egal. Ich brülle wie Bruce. Mein einsamer Fan rockt ein bisschen mit. „There’s a joke here somewhere and it’s on me.“ Ich, der Witz. Mit Gitarre.
Selten so gelacht.

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