Konzerte & Party

Andreas Dorau im Bi Nuu

Andreas Dorau

Wenn dieser Tage mal wieder ein männlicher Hollywoodfilmstar 50 wird, ist in der Regenbogenpresse euphorisch von den coolen „Fünfzigern“ die Rede. Andreas Dorau wird dieser Tage selbst 50. Aber toll findet er die runde Zahl nicht, räumt er ein. Irgendwie passt sie auch nicht recht zu dem Mann mit dem jungenhaften Gesicht und der näselnden, wundersam alterslosen Gesangsstimme, den die meisten heute immer noch sofort mit seinem Teenpop-Überhit „Fred vom Jupiter“ verbinden – einem der bekanntesten Ohrwürmer der Achtziger, auf den Dorau selbst nicht allzu gut zu sprechen ist. Als Geburtstagsphobiker hat der Hamburger nun die Variante der Flucht nach vorn gewählt. Das Jubiläum wird groß gefeiert, in Form einer Konzert-Gala. Außerdem erscheint – gemessen an dem gemächlichen Produktionsturnus des Neue-Deutsche-Welle-Pioniers – eine kleine Flut an Veröffentlichungen: eine Werkschau und ein neues Studioalbum.
Bei den Galaabenden in Hamburg und in Berlin wird es dann unvermeidlich sein, das bisherige Werk des Sängers, der sich selbst lieber als „Komponist“ bezeichnet, zu würdigen. Schließlich wird Dorau nicht allein auf der Bühne stehen, sondern eine Band sowie alte Freunde und Weggefährten hinzubitten, darunter die in Originalbesetzung vereinten Neue-Deutsche-Welle-Innovatoren Der Plan, Justus Köhnke, Stereo Total und natürlich Wolfgang Müller. Die Leitfigur der Westberliner Genialen Dilletanten ist seit Mitte der Neunziger Doraus wichtigster künstlerischer Begleiter. Er hilft regelmäßig mit Songtexten aus wie zum Beispiel „Edelstein“, in dem es um die technische Möglichkeit geht, sich nach dem Tod zu einem Diamanten verarbeiten zu lassen. „Todesmelodien“ hieß das zugehörige Album von 2011, das sich thematisch um die letzten Dinge drehte und doch so sonnig und Dur-harmonisch klang, wie man das von dem Hamburger Beatles- und Phil-Spector-Fan kennt.
Andreas DorauAuf dem Nachfolger hat Dorau das Nachdenken über die letzten Dinge hinter sich gelassen und bietet eine Art Pop-Jukebox über die Merkwürdigkeiten und wahren Schönheiten des Alltags. Zu Letzteren etwa zählt Hamburgs Bücherhalle am Hauptbahnhof, der Dorau die Hommage „Hühnerposten“ gewidmet hat. Zu hopsendem Pianopop besingt er darin nicht nur den Anfahrtsweg zur Bücherhalle, sondern auch das selige Gefühl, der von zu viel Redewolken angefüllten wirklichen Welt zu entkommen. Wie selbstverständlich bringt Dorau darin Begriffe unter wie „Leihbibliothek“ oder „Versäumnisgebühr“ – zwei weitere schöne Exemplare in Doraus über die Jahrzehnte angelegten Sammlung sperriger Worte, die allzu selten in Popsongs Verwendung finden.
„Aus der Bibliothиque“ heißt das heimliche Jubiläumsalbum schlüssig: Themen und musikalische Fundstücke hat der frühe Sample-Großmeister im Laufe der Zeit in Tüten und Taschen aus der Bibliothek getragen: obskure CDs, Enzyklopädien, Wissenschaftsliteratur. Es geht um Hamburger Stadtgeschichte, um ehemalige Polit-Rebellen, die als Reifeleistung das Flaschenpfand revolutionieren, „Wasserstoff“ dreht sich um den kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschheit, und die Dada-Miniatur „Der Monat“ beschränkt sich auf jene Art von Aphorismendichtung, wie sie einst auch Wilhelm Busch hätte einfallen können: „Mo, Di, Mi – Do, Fr, Sa, So. Ich fürchte, das bleibt den ganzen Monat noch so“, lautet der gesamte Liedtext, zu dem der studierte Filmemacher keine weitere Strophe mehr texten mochte. „Mir fallen immer erst die Refrains ein. Strophen deuten das Stück, das gefällt mir nicht“, sagte er mal.
Musikalisch geht Dorau bei seinem neunten Album dagegen weniger minimalistisch vor als gewohnt. Getreu seiner Überzeugung, dass Samples längst „out“ seien, hat er eine Band um sich geschart; das erste Mal übrigens seit 1987. Die Hamburger Truppe, die sonst als Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen firmiert, taucht Doraus Bibliothekenphilosophien in Arrangements um Mandoline, Bar-Piano, Noise- und Glamrock-Gitarren, Bläser und Sixties-Orgel.
Wenn der Bandleader dann mit ungetrübter Knabenstimme strahlende „Aahs“ und „Uuhs“ singt, dann kann man es irgendwie nachvollziehen, warum ihm das mit dem 50. Geburtstag irgendwie unheimlich ist.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Soenke Held

50 Jahre Gala: Andreas Dorau + Gäste (Der Plan, Egotonic, Justus Köhnke, Stereo Total, Wolfgang Müller, Maurice Summen), ?Bi Nuu, Sa 25.1., 21 Uhr, VVK: 15 Euro zzgl. Gebühr

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