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Anna Calvi: „Anna Calvi“

Anna CalviEin wenig hört sich Anna Calvis Geschichte an wie der Stoff eines alten Filmdramas: Es geht um ein kleines Mädchen, das in London zur Welt kommt und mit dem Tod ringt, um drei Jahre, in denen die Eltern ihr Kind nur im Hospital besuchen können. Schließlich um das bleiche Mädchen, das dabeisitzt, wenn der italienische Papa mit verklärtem Blick Debussy und Ravel lauscht. Ungefähr so muss der künstlerische Selbstfindungsweg der jungen Britin ausgesehen haben – Myspace, die Popmetropole London und andere Alltäglichkeiten scheinen nicht vorzukommen. Sie würden auch nicht passen zu den entrückten, wie aus der Zeit gefallenen Songs der Newcomerin. Begleitet von wenig mehr als archaischen Harmonium-Tönen (Mally Harpaz) und einem an den Noir-Blues eines Tom Waits erinnernden Schlagzeug (Daniel Maiden-Wood), gehört die Rampe auf diesem selbst betitelten Debüt-Album Calvis starkem, fordernden Gesang. Zweite Hauptrolle in ihren lodernden Kammerdramen spielt die Telecaster-Gitarre, die Jack-White-Fan Calvi mit dem Gespür einer Filmkomponistin einsetzt, teils mit Anklängen an klassischen Flamenco, teils mit Morri­cone’schem Twang oder blues-selig wie im Solo zu Beginn von „I’ll Be Your Man“, einem kinoreifen Highlight. In „Desire“ bereiten dagegen Rockgitarre und sakrale Harmonium-Liegetöne eine weite Bühne für Calvi, die mit feierlicher, strahlender Stimme als Indie-Walküre а la PJ Harvey auftrumpft.
Auch als süße Verführerin überzeugt Calvi, etwa in „No More Words“, in dem sie klingt wie eine Nancy Sinatra, die ihrem Lover vergifteten „Summerwine“ einflößt. Die kleine agile Band begleitet die starke Frontfrau dicht wie ein Schatten und folgt ihren feinen Modulationen, braust auf oder verstummt mitunter fast. Als Verwandlungskünstlerin mit Hang zum Mysteriösen hat Calvi bereits namhafte Fans gewonnen, darunter Mentor Brian Eno und Nick Cave: ein potenziell perfekter Partner für eine gemeinsame murder ballad.

Text: Ulrike Rechel

Anna Calvi, Anna Calvi (Domino/GoodToGo)

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