Konzerte & Party

Anna Prohaksa: Behind The Lines

Anna Prohaska

Einerseits gibt es Schallplatten-Sängerinnen. Und andererseits Live-Sängerinnen. Wie weit diese beiden auseinanderklaffen können, dafür gibt es in der jüngeren Geschichte kaum ein faszinierenderes Beispiel als Anna Prohaska.
Eine tolle Bühnenerscheinung, gewiss. Mit kluger Beschränkung auf nicht zu große Staatsopern-Rollen (wie Mozarts Susanna oder Strauss’ Sophie im „Rosenkavalier“). Doch wer dieser Sängerin richtig auf den Leim gehen und feststellen will, dass sie eine der zurzeit größten Studio-Künstlerinnen in der Klassik überhaupt ist, der muss sich eine ihrer Platten reinschieben. Und wird dahinschmelzen.
Drei Alben bei der Deutschen Grammophon hat die in Berlin lebende Sopranistin bisher herausgebracht. Alle drei: ausgezeichnet. Die Krone aber gebührt ihrem – erneut dramaturgisch überkomplexen – neuesten Programm: „Behind the Lines“. Mit Kriegs-Liedern aus diversen Jahrhunderten. Mal zärtliches Tambourmädchen, mal derbe Mutter Courage. Erst fröhliche Flintenfrau. Dann traurige Standarte. Und immer mit einem leichten, kritischen Blinzeln aus historischer Distanz. Das ist atemberaubend abwechslungsreich und lässt einen mit Liedern von Eisler, Faurй, Ives, Liszt, Mahler, Quilter, Rachmaninoff, Rihm, Schubert, Schumann, Weill und Hugo Wolf nicht einen einzigen Augenblick locker.
Live hat Prohaska dieses Programm schon im Radialsystem vorgestellt. „Ich war erstaunt, was sich an dunklen Vorahnungen des 30-jährigen Kriegs, an Sarkasmus in den Napoleonischen Kriegen und an kindlicher Kriegsbegeisterung beim I. Weltkrieg alles finden lässt“, so Prohaska über die Vorbereitung. Es gebe sogar broadwayhafte Klänge wie bei Kurt Weill. „Aus einer eventuellen Sentimentalitätsfalle haben uns Eisler und Brecht schnell herausgeholfen“, so Prohaska. Sie habe Material gesichtet, mit dem sich locker auch drei CDs hätten füllen lassen.
Nicht zuletzt wundert man sich, wie saftig und vollfruchtig, wie hinreißend farbreich und bestrickend diese Stimme auf CD klingt. So körpernah ist sie live noch nie an uns rangerückt. Eric Schneider am Klavier begleitet treu-beherzt in jede Schlacht. Es handelt sich um nicht mehr oder weniger als den Beweis, dass die so gern totgesagte CD ihr Pulver noch lange nicht verschossen hat. Für den verantwortungsbewussten Ausgeh-Berater gibt es daher nur einen Tipp: von Zeit zu Zeit den Gang in ein gut sortiertes Plattengeschäft nicht völlig ausschließen!

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Holger Hage / DG

Anna Prohaska: Behind the Lines, ?Deutsche Grammophon

Anna Prohaska: Behind The Lines

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