Konzerte & Party

Anna von Hausswolff in den Sophiensaelen

Anna von Hausswolff

Ein Harmonium steht in Anna von Hausswolffs kleinem Appartment, Synthesizer und ein paar Verstärker. Kabel liegen auf dem Boden und Vinylplatten von PJ Harvey und Joanna Newsom. „Ein Freund hat mir gerade einen Link geschickt zu einer Seite, auf der man eine Kirche kaufen kann“, schwärmt sie, „für 35.000 Euro. Wenn da eine Orgel drin wäre, wäre das ein Schnäppchen!“ Sie lacht viel und man ahnt, dass sie das Düstere nicht im Alltag, sondern nur in ihren Kompositionen zutage fördern kann.
Das neue, nunmehr dritte Album „The Miraculous“ gibt den Instrumentalparts noch mehr Platz: Progrock-Gitarren а la Pink Floyd und vor allem Kirchenorgel. Anna von Hausswolff hat sich dafür natürlich nicht irgendeine ausgesucht, sondern eine der größten Europas, in Nordschweden: eine Orgel samt Celesta, Vibraphon, Glockenspiel und 9.000 Pfeifen – davon enden einige in einem Wasserbecken, für schrille Vogel-Sounds. Anna hatte nur fünf Tage, um diesen Gigant von Orgel während der Aufnahmen kennenzulernen. „Es gab aber so Vieles, was gleich richtig gut klang“, sagt sie, „sodass es viel einfacher war als mit einem Instrument, bei dem man schnell an die Limits stößt.“ Sie liebt ein Maximum an Lautstärke: „Alles vibriert dann bis hin zum Boden“, sagt sie, „wie bei einem Drone-Metal-Konzert von Sunn O))). Aber eben akustisch.“
Zu Hause an ihrer C2-Elektro-Orgel von Nord kann sie sich, das gibt sie zu, nicht mal jeden Tag zum Üben aufraffen: „Das ist keine so physische Erfahrung. Bei einem Synthesizer weiß man ziemlich genau, wie er klingen wird. Das ist bei akustischen Orgeln ganz anders, die ich erst am Konzerttag kennenlerne. Fünf Stunden Soundcheck brauch ich dann meistens“, erzählt sie.
Dass sie in Berlin diesmal auf die Elektro-Orgel zurückgreifen muss, hat aber auch Vorteile: „Dann blicke ich das Publikum an und bin viel extrovertierter.“ Da sie ursprünglich vom Klavier herkommt, das sie seit der Oberschule spielt, habe sie noch Probleme, beim Pedalspiel mit den Füßen. Das Krasseste: Die Orgel-Virtuosin hat das Instrument überhaupt erst vor drei Jahren für sich entdeckt: „Davor habe ich viel gegoogelt, mir Youtube-Tutorials angeschaut, mich in Büchern mit der Mechanik der Orgel vertraut gemacht. Theoretisches Wissen.“ Ob sie dem Klavier da nicht nachtrauert? „Nein, zurzeit bin ich so sehr fasziniert von der Orgel. Alles dreht sich darum. Ich muss noch so viel lernen und entdecken“, sagt sie.
Auf der Platte bauen sich sieben Minuten lang Instrumental-Soundscapes auf, bevor die Stimme einsetzt. Wie Joanna Newsom auf der Harfe arbeitet Anna von Hausswolff auf der Orgel an der Zersetzung traditioneller Pop-Song-Strukturen. Sie erzählt von dem Cover, das sie von Joanna Newsom gemacht hat und singt in verblüffend ähnlicher Tonlage wie die Kollegin: „On a good day you can feel my love for you“. Vielleicht werde sie das auch in Berlin singen. Aber sie müsse nochmal drüber nachdenken; allzu viele Songs könne sie ja gar nicht spielen – weil viele so lang seien. Fast elf Minuten hat „Come Wander With Me“. Tatsächlich möchte man aber sehr viel länger mit der mirakulösen Anna wandern gehen als diese elf Minuten.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Anders Nydam

Anna von Hausswolff, Sophiensжle, Sophienstr. 18, Mitte, So 6.12., 20 Uhr, ?VVK 16,50 Euro zzgl. Gebühr

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