Rock

AnnenMayKantereit spielen zwei Tage in der Wuhlheide

Band in der Pubertät: Protagonisten eines aktuellen Biedermeier oder authentische Stimme einer Generation? AnnenMayKantereit spalten die Meinungen wie kaum eine andere Band. Aber warum bloß?

Foto: Martin Lamberty

Der Preis, den man dafür bezahlen muss, von den Vielen überschwängliche Liebe zu erfahren, besteht wohl darin, von anderen umso leidenschaftlicher gehasst zu werden. Das scheint das kosmische Gesetz des emotionalen Energieausgleichs zu sein. Das Phänomen AnnenMayKantereit ist ein gutes Beispiel dafür. Innerhalb der letzten fünf Jahre haben sich die vier Musiker aus den Kölner Fußgängerzonen in die großen Hallen hineingespielt, ihre Alben erreichten Spitzenplatzierungen in den deutschen und österreichischen Charts, ihre YouTube-Videos Hunderttausende Klicks und einen Web­videopreis.

Zu verdanken haben sie diesen Erfolg sicher nicht allein, aber doch zu großen Teilen ihrem Sänger Henning May, dessen Stimme so reibeisern und rau, so verkratzt und verraucht klingt, als hätte er wirklich das kompromisslos ungestüme Leben eines Tom Waits geführt. Hat er aber nicht, sondern einfach nur viel mit ihr geübt – und genau ­darin sehen Kritiker der Band ein gigantisches Problem. Aus ihrer Sicht steht AnnenMay­Kantereit paradigmatisch für die Renaissance des Biedermeier. Um sich selbst kreisende Langweiler, die den Rückzug ins Private zelebrieren, statt eine Revolution anzuzetteln, deren Lyrik trivial, deren Musik anspruchslos und deren Anmutung bieder ist, kurzum: die das Mittelmaß zum Maß aller Dinge machen.

Aber gerade darin liegt ja die Strategie ­dieser Band: In ihrer Musik und Social-­Media-Performance inszeniert sie sich sehr geschickt als die normalste Band der Welt, die einfach nur „ihr Ding“ macht und geradezu damit ­kokettiert, nichts Besonderes zu sein. Selbst das Außergewöhnliche, Henning Mays Stimme nämlich, ist in der Basisdemokratie des Bandnamens eingeebnet. „AnnenMayKantereit“ reiht schlicht die Nachnamen der drei Gründungsmitglieder aneinander, es ragt scheinbar nichts heraus. Ein ganz normaler junger Mensch, womit meist ein privilegiertes mittelmäßig begabtes weißes Mittelschichtskind gemeint ist, das gerade aufs Abi lernt oder ein erstes Orientierungssemester in einer mittelgroßen deutschen Studentenstadt absolviert, fühlt sich davon abgeholt und erkennt sich in Sätzen wie diesem hier wieder: „Ich glaub, ich rauche heute Pflanzen und bleib allein zu Haus.“ Wer an die weltverändernde Kraft der Musik glaubt, bekommt von solch dezidiert unpolitischen Rückzugsfantasien natürlich Hautausschlag. Und es stimmt ja auch: AnnenMayKantereit fehlt die sarkastische Wut über den himmelschreienden Zustand dieser grässlichen Welt, wie sie der Zürcher Songschreiber Faber mitunter genial vorträgt, es fehlen ihr auch die ironischen Zeitdiagnosen des Berliner Quintetts Von Wegen Lisbeth, die verschroben-verkünstelte Sexyness der Wiener Art-Pop-Band Bilderbuch oder die selbstzerstörerische Hedonisten-Pose von Wanda.

Es wäre aber zu einfach, den Mitte-20-jährigen Musikern und im gleichen Zuge einer ganzen Generation harmlose Heimeligkeit vorzuwerfen. Erstens, weil es nicht per se ein Verbrechen ist, jugendliches Liebesleid und andere kleine Sorgen des Alltags zu besingen. Wer in solcherlei Probleme verstrickt ist und barfuß am Klavier sitzt, verdient ein wenig Empathie. Zweitens: Wenn man AnnenMayKantereit gerecht werden will, muss man die Band als das betrachten, was sie ist: als unfertige Schwellenband, die sich erst einmal an der eigenen Kindheit und Jugend abarbeiten musste, an der ersten großen Liebe, dem ersten Umzug in eine neue Stadt, an Orientierungslosigkeit und Unverbindlichkeit. Der dänische Philosoph Kierkegaard hätte vom „ästhetischen Stadium“ gesprochen, in dem man noch recht unreflektiert existiert, in Äußerlichkeiten gefangen, noch nicht bereit, sich einer Sache zu verschreiben und Verantwortung zu übernehmen. Der Titel und die Grundstimmung des zweiten Albums „Alles nix Konkretes“ bringen das ziemlich genau auf den Punkt – sie sind zugleich eine Reminiszenz an die Unentschiedenheit des Oasis-Debüts „Definitely Maybe“.

Der Nachfolger „Schlagschatten“ aus dem vergangenen Jahr deutete schon das nächste Stadium an, nach Kierkegaard das ethische. Bruchstückhaft tröpfelte die schattige Nachrichtenlage in die Selbstbespiegelungslyrik: „Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand“, heißt es in „Weiße Wand“, und dann weiter: „Ich bin jung und weiß in einem reichen Land, mein Kreißsaal war umkreist von ner weißen Wand“. Es ist, als würde man einem jungen Heranwachsenden dabei zusehen, wie er die Pubertät hinter sich lässt, sich nach und nach seiner Stellung in der Welt und seiner außerordentlichen Privilegien bewusst wird. Und dann wäre da ja noch Mays Gastbeitrag für die Rap-Satiriker K.I.Z: „Und wir singen im Atomschutzbunker, Hurra, diese Welt geht unter.“ Zum von ihm gesungenen Refrain der utopisch-idealistischen Weltveränderungshymne kann man dieser Tage Fridays-For-Future-Demo-Teilnehmer tanzen sehen.

Was AnnenMayKantereit zu einer der wichtigsten deutschen Bands der Gegenwart macht, ist eben dies: dass man an ihr wie an einem Barometer oder Seismograph ablesen kann, wie es um die Kinder der berühmten deutschen Mittelschicht bestellt ist, die am eigenen Leibe niemals Diskriminierung oder Außenseitertum erfahren haben und in den bequemsten nur vorstellbaren Verhältnissen dieses Planeten aufgewachsen sind. In denen zugleich die Ahnung schlummert, dass es sehr bald sehr ungemütlich werden könnte. Und die deshalb allmählich aus ihrem Schlummer erwachen. Aus dem Unkonkreten und den Fragezeichen juveniler Unbekümmertheit erwachsen freitags auf den Straßen unserer Städte bereits die ersten Ausrufezeichen. Und ein Blick auf die deutsche Geschichte verrät, was auf die Epoche des Biedermeier folgte: richtig, eine Revolution.

Parkbühne Wuhlheide An der Wuhlheide 187, Köpenick, Fr 30.8. + Sa 31.8., 19 Uhr, VVK 46,75 €

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